Kopf des Tages: Die Präsidentin, die nicht laut sein will

9. Oktober 2006, 22:53
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Die erste Frau, die Nationalratspräsidentin wird: Barbara Prammer

Heinz Fischer legte den Nationalratspräsidenten, das zweithöchste Amt im Staate, wie einen Probelauf für das höchste an. Andreas Khol bestellte das Feld der demokratischen Entscheidungen mit derselben strengen Liebe, mit der er zuvor die Wende-ÖVP durch die "Wüste Gobi" getrieben hatte.

Und Barbara Prammer? Die 52-Jährige wird das Amt "objektiv" ausüben, "auf Basis fester Überzeugungen", wie sie sagt. Aller Voraussicht nach wird Prammer, Ex-Landesrätin, Ex-Frauenministerin, bald Ex-Zweite-Nationalratspräsidentin und SPÖ-Frauenvorsitzende, am 30. Oktober in die höchste politische Position gewählt, die eine Frau bis dato in Österreich erreichen konnte. Es ist nicht davon auszugehen, dass dieser Karrieresprung ähnlich mühsam wird wie jener zuvor.

Als Prammer 2002 Zweite Präsidentin werden sollte, hatte sich die schwarz-blaue Regierung lange quer gelegt. ÖVP und FPÖ stimmten ihrer Wahl erst zu, als sie eine Rede hielt, in der sie ihre Unparteilichkeit im Amt beschwor. Ausgerechnet ihr hielten die politischen Gegner damals vor, "frauenfeindlich" zu sein, weil sie über die vormalige Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner bemerkt hatte: "Frau sein allein ist kein Programm." Noch heute steht Prammer zu dieser Aussage, und sie hat sie auch wiederholt - zuletzt war sie auf ORF-Generaldirektorin Monika Lindner gemünzt.

Prammer verlangt von Frauen eben auch frauenpolitisches Bewusstsein. Wenn sie das vermisst, wird sie ärgerlich - so ärgerlich, dass es ihr zum Beispiel bei TV-Auftritten schon mal die Rede verschlagen kann. Als Ministerin in Viktor Klimas Kabinett wurde ihr die "mangelnde Fernsehtauglichkeit" immer wieder angekreidet, "Spin-Doktor" Andreas Rudas meinte einmal sogar, sie könnte nicht einmal grüßen, ohne einen Fehler zu machen.

Es zählt zu den besonderen Gustostückerln der Klima-Ära, dass die eiserne Loyalität Prammers damit vergolten wurde, sie im Nachhinein als unbedarft hinzustellen. Und es spricht für Alfred Gusenbauer, dass er genau diese Stärke zu schätzen wusste. Dabei ist Prammer nicht eine, der Loyalität und Parteidisziplin über alles geht. Als der wankende Riese ÖGB wieder einen Mann zum Nachfolger von Fritz Verzetnitsch machte, war sie alles andere als begeistert. Sie sagt solche Dinge allerdings lieber intern statt öffentlich - ganz in der Tradition von Johanna Dohnal. Was aber über allem steht, ist ihre Loyalität Frauen gegenüber. Als sie, frisch im Amt als Ministerin, damit konfrontiert wurde, dass ihr damaliger Mann eine Schreibkraft sexuell belästigt hatte, stellte sie sich hinter die junge Frau. Freundlich, verbindlich, aber bestimmt.

So, wie sie auch bisher Nationalratssitzungen leitete. Ihr Motto: "Man muss nicht laut sein, um Autorität zu haben." (Petra Stuiber/DER STANDARD, Printausgabe, 06.10.2006)

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    foto:standard/heribert corn
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