Autoindustrie übertechnisiert - Problem ist ihr Erfolg

22. Oktober 2006, 19:03
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"Das Problem der Autoindustrie ist ihr Erfolg" glaubt Ex-VW-Vorstand Robert Büchelhofer und moniert Ausstattungen an derem Nutzen gezweifelt werden darf

Alpbach - "'Die' europäische Autoindustrie gibt es nicht mehr, sie hat sich in große Gewinner und Verlierer aufgeteilt", sagte Robert Büchelhofer, langjähriges Vorstandsmitglied der BMW AG und in Folge der Volkswagen AG, jetzt als Berater und Gastprofessor tätig. Die Autoindustrie sei übertechnisiert, stehe unter hohem Kostendruck und produziere Ausstattungen, wo man sich frage, "braucht man das", so Büchelhofer am Donnerstag beim 20. Alpbacher Finanzsymposium.

"Das Problem der Autoindustrie ist ihr Erfolg", so Büchelhofer. Es gebe sie nun bereits mehr als 100 Jahren und habe uns eine Reihe von Problemen beschert, wie Verkehrsprobleme oder Abgasprobleme. Dies habe in den vergangenen Jahrzehnten auch zu einer Konzentration auf nur mehr zehn Hersteller geführt, von noch 56 im Jahr 1964.

Europäische Autoindustrie

Die technologische Kompetenz der europäische Autoindustrie und zugleich auch der Autozulieferindustrie sei unbestritten, so Büchelhofer, der sich als "Fan" des steirischen Autoclusters "outete". Bei einem Qualitätsvergleich würden aber die japanischen Autos vorne liegen, Europa läge im Mittelfeld. Einer der Gründe dafür liege in der hohen Bedeutung der Elektronik, die bereits 20 bis 35 Prozent der Wertschöpfung eines Autos ausmache.

Zum möglichen Abzug eines des BMW-X3 aus Graz meinte Büchelhofer, er wisse um die Kompetenz und Zukunftsfähigkeit dieses Clusters - auch wenn dann und wann einzelne Projekte abgezogen werden. Zum Ausgleich kämen andere Projekte in die Steiermark.

Die Wachstumsraten des Autoabsatzes in Europa und auch Österreich werden geringer, während Russland, China, Osteuropa, Asien und pazifischen Region die kommenden Wachstumsmärkte seien. "Um erfolgreich zu sein, muss man diese Märkte mitnehmen", so der frühere VW-Vertriebsvorstand. Allerdings seien auf diesen Märkte andere Preisstrukturen und Technologien gefragt.

Generell entwickle sich die Autoindustrie immer mehr in Richtung höherer Komplexität, es gebe immer mehr Modelle, verschiedenste Ausstattungen und Segmente. "Die Fragmentierung der Märkte, die bedient werden sollen, wird immer größer", sagte der "Auslandsösterreicher" Büchelhofer.

Ein Viertel mehr Kapazität

Die Autoindustrie verfüge heute weltweit ein Viertel mehr an Kapazitäten als der Markt erfordern würde. Das habe etwa in den USA dazu geführt, dass Anreize vergeben werden, damit Autos gekauft werden. Diese 'Krankheit' grassiere nun auch in Europa schon massiv.

Damit die europäische Autoindustrie konkurrenzfähig bleibe, müsse es zu einer "ökonomischen Realisierung der Kundenwerte" kommen: "Wir haben eine Inflation an Ausstattung und eine Deflation bei den Preisen", so Büchelhofer. Die "Wertekommunikation" müsste verbessert werden. 25 Prozent der Wertsteigerung sei in den letzten Jahren zu Lasten der Margen gegangen.

Alternative Antriebssysteme, deren Erfolge nicht zu leugnen seien, hätten die Europäer zu lange den Japanern überlassen. Toyota etwa habe vom Hybrid-Auto Prius bereits 600.000 Stück verkauft, davon alleine 350.000 im Jahr 2006. Der Absatz von Voll- und Mild-Hybridautos werde in den USA, Europa und Deutschland stark wachsen.

"Auch die Brennstoffzelle wird kommen und das Wasserstofffahrzeug werden wir noch erleben", so Büchelhofer. Aber auch Otto- und Dieselmotoren werden noch verbessert werden. Dazu kämen Telematik- und Informationstechnologien. "Dies alles in eine Marge zu bringen, hat eine Dimension erreicht wie noch nie."

Sechs Prozent aller Arbeitnehmer

Laut Markus Beyrer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), sind in der europäischen Autoindustrie 6 Prozent aller Arbeitnehmer beschäftigt, das sind rund 2,1 Mio. Personen direkt und 12 Mio. indirekt. Sie erwirtschaftet einen jährlichen Überschuss von 35 Mrd. Euro und exportiert 66 Mrd. Euro. Die EU-25 habe einen Anteil an der globalen Autoindustrie von 30 Prozent. Vom Forschungsvolumen entfielen 20 Prozent auf die Automobiltechnologie.

Einen großen Vorteil der europäischen Autoindustrie sieht Beyrer in der länderübergreifenden Verclusterung und Kompetenzbündelung. Die "Verclusterung" Österreichs mit den neuen EU-Ländern funktioniere aber noch viel zu wenig gut. "Wir engagieren uns als IV sehr stark, um eine rasches Zusammenwachsen des Wertschöpfungsgebietes in dieser Region zu erreichen", so Beyrer. (APA)

  • Robert Büchelhofer
    foto: standard/hendrich

    Robert Büchelhofer

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