Theatralische Alternativen

19. Oktober 2006, 20:30
posten

Oberzeiring startete das Uraufführungsfestival mit einem Stück über Depressionen

Oberzeiring - "Es liegen zu viele Bananenschalen im Leben herum", sagt die Darstellerin von "Rotermond.com" in der Uraufführung des ersten Stücks der Oberzeiringer Sozialarbeiterin und Malerin Anne Grassl. Es setzt Monologe über Vereinsamung und Depressionen in Beziehung. Drei beachtlich professionelle Akteure beziehen das Publikum in ihre rhetorischen Fragen ein. Zu viel Philosophie, über originelle Sprachbilder gestülpt und mit Annäherungen an die Frage "Ist der Tod die Liebe?" inszeniert, zieht ihm Zähne.

Die Darstellerin, Melanie Katja Schneider, hat mit 16 auf der THEO Studiobühne von Peter Faßhuber in Oberzeiring begonnen. Sie lebt jetzt mit ihrem Mann und drei Kindern in Mannheim, kehrt aber jedes Jahr zurück zum Schauspiel. Die Bananenschalen hat sie immer wieder aufgehoben, bevor sie darauf ausgerutscht wäre. Ihr Kollege Axel Grau leitet in Stuttgart eine Bäckerei mit hundert Beschäftigten. Tobias Escher, ein Musiker, spielt erstmals Theater.

Das sind Karrieren einer neuen Theaterlandschaft in der Steiermark, deren Impresario Peter Faßhuber nun schon neun kleine Festivals veranstaltet. Vom Kindertheater (in Gleisdorf) über Straßentheater (in Straden) bis zum Festival in Oberzeiring.

Zwölf Schauspieler umfasst die THEO-Truppe perma- nent. Vier von ihnen sind inzwischen voll im Beruf, vier spielen nebenbei , haben aber die Schauspielprüfung und vier sind reine Amateure. Hundertmal spielt THEO inzwischen in Oberzeiring. 8000 Euro erhält sie vom Bund, 10.000 vom Land. Achtzig bis hundert Zuschauer pro Vorstellung tragen ebenfalls dazu bei, dass die Schauspieler, wie in der Off-Szene üblich, 80 Euro pro Abend verdienen.

Am Mittwoch startete neben "Rotermond.com" auch "Titograd", das neue Stück von Ernst Binder. Neben einigen deutschen Gruppen gastieren vor allem Grazer Kleintheater wie "Asou", "Mezzanin" oder das schon sehr bekannte "Theater am Bahnhof". Die überlieferte Baustruktur des alten Silberorts ermöglicht Faßhuber mehrere Spielstätten. Neben einem ehemaligen Kino, einem früheren Schweinestall auch die alte Feuerwehr.

Am Morgen nach den ersten beiden Uraufführungen erzählte mir eine bald achtzigjährige Bewohnerin des tausendköpfigen Marktes, es gebe bereits 26 größere Altbauten, in denen nur noch je eine alt gewordene Frau wohne. "Nicht wenige haben starke Depressionen. Manche kommen sich vor wie im Sarg."

Im Stück von Anne Grasl wird der Depressive symbolisch begraben. "Ich wollte Ihnen Glück schenken, aber es ist auf dem Weg verunglückt", sagt ihm die Frau. Dazu reicht es also nicht. Und weil er nur "beinahe tot" ist, bleibt er in einer Zwischenwelt: "Ich bin zu müde, um zu handeln."

In den Pausen gibt es in Oberzeiring besseren Wein als in Wiener Theatern. Noch dazu kostet er nur 1.30 Euro. (Gerfried Sperl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.10.2006)

Share if you care.