Der Sprachverkoster: Rudolf Melichar im Porträt

5. Oktober 2006, 20:23
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Aus Anlass der der Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Ende und Anfang" am Wiener Akademietheater

In der morgigen Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Ende und Anfang" am Wiener Akademietheater spielt Burgschauspieler Rudolf Melichar wiederum eine Spukgestalt aus dem Geiste zeitgenössischer Sprachmusik. Ein Porträt.


Wien - Der Charakterschauspieler Rudolf Melichar ist in einem Alter, in dem andere Burgschauspieler rüstige Greise geben oder sich mit Rücksicht auf vergangene Großtaten schmollend auf das Altenteil authentischer Bühnenerinnerungen zurückziehen, zu einer Fachkraft für Gegenwartsdramatik avanciert: ein Feinhandwerker, der Elfriede-Jelinek-Sätze zu sprechen im Stande ist, als wären sie ihm auf leichter Zunge zugeschwebt, oder als entsprängen sie einer plötzlichen, tonnenschwer hervorbrechenden Einsicht.

Der ab morgen, 19.30 Uhr, im Wiener Akademietheater in der Regie von Nicolas Stemann in dem Roland-Schimmelpfennig-Text Ende und Anfang einen Pädagogen spielt: eine Schattenrissfigur, die in einem Labor für endgelagerte Versuchstiere unter anderen Schatten haust. Schimmelpfennigs "dramatisches Gedicht" beschreibt den Zerfall einer sich selbst überlebt habenden Gesellschaft, die an den tektonischen Bruchlinien der Welt dem Vergessen entgegendämmert.

"Die Schwierigkeit eines solchen anekdotischen Textes besteht darin, ihn zur Theaterform zu verbinden", sagt Melichar. Die Figuren sprechen bei Schimmelpfennig ihr "sagte er/sagte sie" gleich mit. "Das Stück handelt vom Scheitern. Es heißt ja auch ,Ende und Anfang', nicht umgekehrt." Brüder- und Schwesterschatten ziehen wie Hades-Flüchtlinge über leere Äcker, Menschen werden zu Vögeln, Labormäuse fangen aufgrund von Mutationsvorgängen zum Leuchten an. Es ist, als ob Botho Strauß Bücher von Philip K. Dick gelesen hätte.

Melichar wahrt mit der Grandeur des erfahrenen Schauspielers eine gewisse Distanz zur Textvorlage: "Die Versuchsstation, in der sich die Figuren treffen, ist, wie ich auf der Theaterwissenschaft gelernt habe, ein ,dramaturgisch minderwertiger' Ort. In Kaffeehäusern oder in Labors kann ja jeder jeden treffen! Hier ist es nicht ganz so: Es erinnert mich an Thornton Wilders Die Brücke von San Luis Rey. Auch dort begegnen einander Gescheiterte und Erledigte. Ich spiele einen Professor, der wegen Unzucht mit Abhängigen gestürzt ist." Er sei "etwas zu alt besetzt", sagt Melichar. Er zählt nämlich 77 Jahre. Er ist in der Tat der jüngste 77-jährige Burgtheaterschauspieler, der sich denken lässt. Und ist des Lobes voll für Regisseur Stemann.

"Ich habe ja schon sechs Jelinek-Produktionen gespielt", sagt Melichar. "Mit Jelineks Sprachblöcken kannst du theatralisch machen, was du willst. Die halten das aus." Schimmelpfennig schreibe filigraner: "Da musst du schauen, dass dir der Text nicht wegfließt. Sonst wird es Pointilismus - eine Soße."

Großväter und Söhne

Warum er zum Spezialisten für moderne Sprachpartituren geworden sei? Melichar hebt den Charakterkopf: "Das hat vielleicht damit zu tun, dass die ,Jungen' die ,Großväter' eher akzeptieren als die ,Väter'! Ich habe aber ja auch bei Hans Neuenfels gespielt: Das war ,damals' auch etwas Neues." Die jetzige Vätergeneration, das seien eigentlich "die 68er", so Melichar. "Wie alt ist Peymann? Die Frage stellt sich doch: Was sind das für Väter gewesen? Sie haben sich der Sorgfaltspflicht gegenüber ihren ,Kindern' entschlagen. Ich fühle mich da zerrissen: Einerseits möchte ich endlich wieder in einem Stück spielen, wo einer an der Tür klopft und sagt: ,Guten Tag, mein Name ist Franz Meier! Ich soll mich hier melden.' Dann heißt es, ,Nehmen Sie Platz!', und das Stück fängt an. Auf der anderen Seite ödet mich das mittlerweile derart an, dass ich sage: Lasst mich in Ruhe mit dem Blödsinn."

Melichar denkt kurz nach: "Früher - und ich bin seit 1968 an der Burg - haben wir gerne Situationen gespielt. Das kann man sich heute zum Teil nicht mehr anschauen! Andererseits besitze ich einen gewissen Sinn für die Möglichkeiten des Sprachklangs. Besichtige ich eine Halle, so habe ich binnen kürzestem den ,Ton' ermittelt - die Schwingungsebene." Und dann lässt Melichar sein die Silben dehnendes, deren Sinn abschmeckendes Organ ertönen. Noch viele, viele Burgtheaterjahre lang. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.10.2006)

  • Burgmime Rudolf Melichar, seit 1968 im Haus am Ring engagiert, spricht moderne Texte als poetischer Kopf.
    foto: standard/ urban

    Burgmime Rudolf Melichar, seit 1968 im Haus am Ring engagiert, spricht moderne Texte als poetischer Kopf.

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