Fratzenhafte Hydra Hollywood

Dominik Kamalzadeh, 21. Dezember 2006, 16:33
  • Auf der Jagd nach einem Phantom: Bucky Bleichert (Josh Hartnett) in Brian de Palmas "The Black Dahlia".
    foto: warner

    Auf der Jagd nach einem Phantom: Bucky Bleichert (Josh Hartnett) in Brian de Palmas "The Black Dahlia".

Brian de Palmas mit Spannung erwartete Verfilmung von James Ellroys "The Black Dahlia"

... erkundet anhand des Mordfalls an einem Starlet die düsteren Seiten Hollywoods - ein ambitioniertes Unternehmen, das als Gesellschaftsdiagnose jedoch zu kurz greift.


Wien - Durch die laufende Kamera hindurch flirtet die junge Schauspielerin intensiv mit ihrem Gegenüber. Der Regisseur bleibt unsichtbar, nur seine Stimme bezeugt seine Präsenz. Auf jede der Fragen, die dem Starlet bestimmte Fähigkeiten abverlangen, antwortet sie mit Ja, so gehorsam wie merkbar zerstreut, zwischen Rolle und realem Ich changierend. Irgendwann rutscht sie dann sogar auf Knien vor ihm. Für eine Rolle würde sie alles tun. Zu mehr als einem Lesbenporno wird es nie reichen.

Die Szene zeigt einen Screentest, ein Verfahren, bei dem darstellerische Qualitäten ausgelotet werden. Zugleich ist sie aber schon mehr als das: ein Machtspiel zwischen den Geschlechtern, das eine Ökonomie des Blicks bestimmt. In Brian de Palmas The Black Dahlia kommt dieser Stelle als Puzzlestück zu einem Verbrechen besondere Bedeutung zu. Das zeigt sich schon an der Tatsache, dass die Stimme des Regisseurs jene von de Palma selbst ist.

Elizabeth Short (Mia Kirshner), das Starlet, ist das Mysterium des Films. Im Jänner des Jahres 1947 wurde sie brutal ermordet vorgefunden, ihr Gesicht zu einem grotesken Lächeln aufgeschlitzt. Der authentische Fall wurde nie aufgeklärt und bot daher immer wieder Anlass für wilde Spekulationen. Bucky Bleichert (Josh Hartnett), der ermittelnde Cop, führt sich anhand des Screentests das Opfer noch einmal vor Augen - und verfällt damit zu einem gewissen Grad ihrer geisterhaften Präsenz: ein Topos, der schon für Films noirs wie Premingers Laura oder Hitchcocks Vertigo charakteristisch war.

Macht und Gier

The Black Dahlia ist nach L.A. Confidential eine weitere Romanverfilmung des US-Schriftstellers James Ellroy. Was de Palma an dem Fall Short fasziniert haben muss, ist offensichtlich: Für einen Regisseur, der als überschwänglicher Stilist gilt und eine Vorliebe für Referenzen und Täuschungsmanöver hegt, bietet Ellroys Erkundung der repressiven Seiten der Traumfabrik und der tief verwurzelten Korruption der Stadt reichlich Gelegenheit, um den Film als Revue der Zitate anzulegen. Blicke und Interessen, Rollen und Begehrlichkeiten unter Mächtigen und Machtlosen werden sich beständig überkreuzen.

Für Bucky und dessen hartgesottenen Kollegen Lee (Aaron Eckhardt) wird der Mord an Short zur Zerreißprobe. Ein wüster Boxkampf zwischen den beiden, bei dem Bucky ein paar Zähne einbüßt, gibt die Stoßrichtung vor: Der junge Cop, dessen subjektive Perspektive The Black Dahlia manchmal ganz direkt übernimmt, wird es mit einer Hydra aufnehmen, die beständig neue Fratzen zeigt, aber kaum greifbar wird, weil sie sich von der dekadenten Oberklasse bis in elegante Lesbenclubs erstreckt. Die Krise des Helden macht de Palma, für seinen cleveren Umgang mit Kameraperspektiven bekannt, am Verlust von Übersicht fest: Plansequenzen über Dächer hinweg variiert er mit Subjektiven, das Totale mit der Miniatur.

Trotz dieser inszenatorischen Ideen haftet The Black Dahlia allerdings eine unbestimmte Beschwerlichkeit an. Die vielen Informationen, die schon im ersten Teil des Films ausgestreut werden, fügen sich nur widerwillig in eine Spannungsdramaturgie. Vilmos Zsigmonds Kamera taucht das Geschehen in sepiafarbene Settings und spielt sich mit Lichtkontrasten. Die jungen Darsteller bewegen sich durch sie wie Poseure hindurch, auf archetypische Haltungen und Gesten festgelegt. Kay Larke (Scarlett Johansson) ist eine Lana-Turner-Wachsfigur ohne Leben, wogegen Madeleine Linscott (Hilary Swank) als Doppelgängerin der ermordeten Elizabeth Short dem Typus der Femme fatale zumindest ambiguose Nuancen abgewinnt.

In seinem hohen Anspruch, über eine Figur (oder eben ihren Fall) das Bild einer Epoche und deren Fliehkräfte zu erstellen, erinnert The Black Dahlia an einen anderen verirrten Film, nämlich an Martin Scorseses The Aviator. Wie dieser rafft er sich nur in isolierten Momenten zu wahrer Größe auf: ein Abendessen in der High-Society, das wie ein Fiebertraum wirkt; eine Messerstecherei in einem Stiegenhaus, die die Motive des Films in fulminanten Montagen zusammenfasst. Doch lauter Einzelteile machen noch keine Summe. Vom abgründigen Spiel der Macht, das in den Screentests spürbar wird, findet de Palma zu keiner Gesellschaftsdiagnose. Er verharrt vielmehr in der (Hinter-)Welt des Genres und sammelt dort die Scherben Tinseltowns auf. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.10.2006)

Filmkritik eines Unzuständigen

Habe den Film leider gesehen.
Komplett leblos, fehlbesetzt und fad.
Dreimal eingenickt.


geldvernichtung

stimme herrn dr. vollkommen zu. ich weiss nicht ob der kritiker den film überhaupt gesehen hat. hier wurde mit deutschen verlustabschreibungsgeld genau das produziert was beabsichtigt: geld sinnlos vernichtet. in usa realitätsbezogen von publikum gemieden und von jedem ernsthaften kritiker zertrümmert. rate allen die noch unsicher sind den trögen trailer anzusehen. das genügt. sonst wird auch noch zeit unnötig vernichtet.

bin trotz beträchtlichem schlafdefizits kein einziges mal eingenickt.
zugegeben, die qualität von 'L.A. confidential' wird nicht erreicht. aber trotzdem ein solider, äußerst elegant inszenierter noir-thriller.
wertung: 7/10 auf der filmtipps.at-skala

stimme der kritik im punkt: einzelteile ergeben noch kein ganzes zu. manche großartige szene gibts aber da ist viel zu viel schief gegangen. leerlauf, unzusammenhängende szenen und schrecklich deplatzierte darsteller.
etwa 5,5 von 10.

wobei die szene bei der highsociety-familie wirklich ein genuss ist, ebenso die treppenhausszene. die beiden rangieren ganz weit oben in der skala...leider nur die beiden und nicht der rest des films.

Empfehle zuerst mal

das Buch, am besten im Original. Hat was, wie die meisten Ellroys. Gute Urlaubslektüre, wenn noch jemand dieses Privileg kennt - ich meine Urlaub.

Wenn doch die Konzert- und Plattenkritiken des Standard nur annähern so viel Information beinhalten würden.

Klingt zumindest interessant.

Hoffentlich ist die Kritik nicht das beste am Film.

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