Frau Clinton und das Risiko

7. Oktober 2006, 00:01
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Pharma-Fondsmanager Thomas Bucher im derStandard.at- Gespräch über Fusionen, Investments und die US-Gesundheitspolitik

Thomas Bucher managt seit 2003 den Pharma-Fonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS Austria. Im Gespräch mit Martin Putschögl berichtet er über die Auswirkungen der vielen Fusionen in der Branche, den Einfluss der Politik und die wichtiger werdende Rolle der europäischen Konzerne.

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derStandard.at: Herr Bucher, was sollte ein Anleger, der in Ihren Fonds investieren will, wissen?

Thomas Bucher: Eigentlich handelt es sich dabei um einen diversifizierten Healthcare-Fonds. Die Pharma-Werte sind in der Regel in unserem Fonds schon besonders wichtig, haben im historischen Gewicht aber immer nur zwischen 35 und 60 Prozent eingenommen. Im Fonds enthalten sind auch Aktien von Biotech-Firmen und Generikaherstellern, aber auch Medizintechnik, Krankenhäuser, Dienstleister - also der gesamte Gesundheitssektor. Historisch betrachtet, weist der Sektor ein relativ konjunkturunabhängiges Gewinnwachstum auf, und wir erwarten auch für die Zukunft zehn Prozent Gewinnwachstum für die nächsten Jahre.

derStandard.at: Die Pharmabranche gilt seit Jahren als Zukunftsbranche, trotzdem wird Ihr Fonds eher erfahrenen Anlegern empfohlen. Was ist der Grund?

Bucher: Aktienfonds sind immer auch abhängig vom Gesamt-Aktienmarkt, deshalb kauft man sich natürlich auch das Risiko eines Aktienfonds ein.

derStandard.at: Was ändert sich durch die fortschreitenden Fusionen in der Branche?

Bucher: Das ist grundsätzlich nichts Neues, wenngleich es in Deutschland jetzt im September auch etwas gebündelt war. Altana verschwindet, Serono wird von der Darmstadt Merck aufgekauft, Schwarz Pharma von UCB. Aber die Großkonzerne sind alle durch irgendwelche Fusionen entstanden: Sanofi-Synthelabo, dann Sanofi-Aventis, Pfizer und Warner-Lambert… das ist nur eine Fortsetzung von einem Prozess, der schon sehr lange Zeit im Gange ist. Ich glaube nicht, dass sich dadurch sehr viel geändert hat. Nach wie vor ist die Hauptherausforderung für jedes Unternehmen in dieser Branche genau die gleiche: Wie kann ich ein neues Medikament, einen neuen "Blockbuster", entdecken, mit dem ich neues Marktpotenzial erreiche? Da gehört viel Geld dazu, und auch ein bisschen Glück.

derStandard.at: Sie haben fast acht Prozent Ihres Kapitals in den Weltmarktführer Pfizer investiert. Seit Viagra ist von dort aber nicht mehr sehr viel gekommen…

Bucher: Wir haben hier sogar aufgestockt - vor einem halben Jahr hatten wir nur fünf Prozent - weil wir glauben, dass das Unternehmen bisher zu günstig war. Die Aktie hat noch Potenzial bis in den Dreißig-Dollar-Bereich. Zum zweiten wurden in den vergangenen Monaten von den Fondsmanagern konjunkturelle Unsicherheiten insgesamt stark berücksichtigt. Der Pharma-Sektor kam so wieder ein bisschen mehr ins Interesse.

derStandard.at: Ihr Fonds ist zu 55 Prozent in US-Pharmawerten investiert. Warum sind die USA in diesem Bereich so dominierend?

Bucher: Es ist der größte Markt. Der US-Markt für Medikamente macht ungefähr 45 Prozent vom weltweiten Pharma-Markt aus. Allerdings haben die europäischen Unternehmen stark aufgeholt, nach Marktkapitalisierung sind sie inzwischen größer als die US-Titel. Wir präferieren in unseren Investments seit drei Jahren die europäischen Pharmawerte gegenüber den amerikanischen, so auch in diesem Jahr.

derStandard.at: Welche Rolle spielt die Politik im Allgemeinen und die US-Gesundheitspolitik im Besonderen?

Bucher: Im Vergleich zu Europa ist das amerikanische Gesundheitssystem deutlich weniger reguliert. Seit die Bush-Regierung im Amt ist, herrscht ein sehr vorteilhaftes Umfeld für die gesamte Branche. Gefahr käme möglicherweise, wenn Frau Clinton Präsidentschaftskandidatin wäre und mit einer deutlich stärker regulierten Gesundheitsagenda auftreten würde. Der US-amerikanische Staat kauft inzwischen über verschiedene Kanäle allein 50 Prozent der Medikamente ein, überlässt jedoch dem freien Marktspiel die Setzung der Preise. Eine Regierung der Demokraten brächte das Risiko staatlich verordneter Preissenkungen mit sich, was sich negativ auswirken würde.

derStandard.at: Wird von den Investmentfonds nicht oft ein sehr großer Druck auf die Pharmafirmen ausgeübt, für eine ordentliche Rendite zu sorgen?

Bucher: Die Margen der Pharma- und Healthcare-Konzerne sind nach den Ölwerten in diesem Jahr die höchsten aller Branchen. Wir sprechen da von 35-40 Prozent operative Margen, die erreicht werden können. Selbst wenn der Gewinn eines Unternehmens nicht wachsen würde, wäre der damit verbundene Cah-flow stark genug, dass die Unternehmen mit Aktienrückkäufen fünf bis zehn Prozent ihrer Marktkapitalisierung jährlich zurückkaufen können. Also das Niveau ist sehr hoch, und die Margen der europäischen Konzerne expandieren derzeit noch. Die große Herausforderung ist, sich rechtzeitig gegen Patentabläufe zu wappnen, die Medikamente aus dem Markt ziehen. Um dem verfallenden Patentschutz entgegenzuwirken, muss man eben immer Neues entwickeln. Das ist die große Kunst der Pharmakonzerne.

derStandard.at: Schafft man das als kleinerer Konzern noch, oder ist man da zu Fusionen schlicht gezwungen?

Bucher: Selektiv schaffen es die Unternehmen, und darin liegt eben auch unsere Aufgabe: Auf die Werte zu setzen, von denen wir glauben, dass sie's schaffen. Mit Fusionen im großen Stil kann man sich nur zwei, drei Jahre an Zeit erkaufen, danach ist in der Regel dasselbe Problem wieder gegeben - dann allerdings auf einer höheren Umsatzbasis.

derStandard.at: Welchen Anlagezeitraum würden Sie einem Einsteiger empfehlen?

Bucher: Bei einem Healthcare- oder Pharma-Fonds ist der Einstiegszeitpunkt meines Erachtens nicht wesentlich. Also nicht so wichtig wie beispielsweise bei einem Technologie- oder Biotechnologie-Fonds. Im Bereich Healthcare wachsen die Gewinne - wie schon erwähnt - etwa um zehn Prozent pro Jahr - von dieser Renditeentwicklung gehen wir mittelfristig, also auf Sicht von drei bis fünf Jahren, aus. Auf halbjährliches Investment zu setzen, würden auch wir sehr schwer timen können. Ich denke, drei bis fünf Jahre wäre der richtige Horizont, den man haben sollte.

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DWS
  • Thomas Bucher, Fondsmanager bei DWS.
    foto: dws

    Thomas Bucher, Fondsmanager bei DWS.

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