Robustes Wachstum, aber Jobs fehlen

19. Oktober 2006, 15:16
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Wirtschaftsforscher sagen gute Jahre voraus, mahnen aber mehr Geld für Bildung ein - Arbeitslosenquote bleibt Wermutstropfen

Die wie geschmiert laufende Weltkonjunktur hat nun auch Europa nachhaltig in Schwung gebracht. Für Österreich sagen die Wirtschaftsforscher gute Jahre voraus, mahnen aber mehr Geld für Bildung ein. Wermutstropfen: Die Arbeitslosenquote bleibe konstant hoch.

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Wien - "Das Wort der Stunde heißt robust", sagt Karl Aiginger, Chef des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo), am Freitag und meint damit die Qualität des Wirtschaftsaufschwunges. Europa könne "sich dem weltwirtschaftichen Boom nicht mehr länger entziehen." Bernhard Felderer, Chef des Instituts für höhere Studien (IHS), ergänzt anlässlich der traditionellen Präsentation der Herbstprognose der beiden Institute: "Wir haben die Prognosen nach oben revidiert, weil sich in Europa im zweiten Quartal eine deutliche Bewegung abgespielt hat, mit der wir zuvor nicht gerechnet hatten."

BIP-Plus: 3,1 Prozent

Die Eckdaten der Prognose sind wie berichtet bereits vor der offiziellen Bekanntgabe durch die Institutsleiter von Regierungskreisen an die Öffentlichkeit lanciert worden, also schon bekannt: Beide Forschungseinrichtungen rechnen mit einem 3,1-prozentigen Wachstum des österreichischen Bruttoinlandsproduktes BIP im Jahr 2006. Dies ist das stärkste Wachstum seit sechs Jahren. Für das kommende Jahr werden 2,5 (Wifo) sowie 2,3 Prozent Wirtschaftswachstum vorher gesagt.

Etwaige neue Schwerpunktsetzungen einer noch zu bildenden Regierung konnten die Wirtschaftsweisen dabei noch nicht ins Kalkül führen. Man rechnet aber jedenfalls - ohne dass sich einer der beiden für eine Farbmischung in der Regierung aussprechen wollte - mit einer Fortführung der Budgetkonsolidierung, wobei gleichzeitig die Mittel von der Verwaltung zu Forschung und Bildung umgeschichtet werden sollten. Aiginger: "Ich wünsche mir, dass die Wirtschaftspolitik in Österreich eine konsensuale ist, die auch über die Grenzen einer Legislaturperiode hinausgeht - also ein Konzept, was wollen wir in zehn Jahrenerreichen." Felderer: "Die wichtigste Reform steht nun im Schulsektor an - von der Vorschule bis zu den Universitäten. Es geht dabei nicht nur um mehr Geld, sondern auch um mehr Effizienz."

Mit diesem Wunsch an die Politik in Österreich hängt auch die Schattenseite des Aufschwungs zusammen: Die Situation auf dem Jobmarkt werde mittelfristig nicht entschärft werden können. Die Arbeitslosenquote werde gleich hoch wie derzeit bleiben (Wifo) oder maximal um wenige Zehntelprozentpunkte zurückgehen (IHS). Grund dafür sei, dass der - von Exporten, Investitionen und auch mittlerweile wieder dem privaten Konsum befeuerte - Konjunkturmotor durchaus neue Beschäftigung schaffe (plus 1,6 Prozent, der höchste Anstieg seit Beginn der 90er Jahre). Das Plus werde aber durch das höhere Arbeitskräfteangebot in der Statistik wieder absorbiert. Es gebe, so Aiginger, "ungeheuren Dynamik auf beiden Seiten". Das zusätzliche Angebot resultiere unter anderem aus der Reform der Frühpensionierungen.

Teilzeit boomt

Dazu kommt, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte der neuen Jobs lediglich Teilzeitbeschäftigung bieten. Allerdings verzeichnen Branchen, in denen Vollzeitbeschäftigung Usus sind, einen lange nicht gesehenen Boom (Bauinvestitionen: plus 3,8 Prozent im ersten Halbjahr 2006), dies kommt aber hauptsächlich männlichen Arbeitnehmern zugute.

Zur Weltwirtschaft noch: In den USA erwartet das Wifo ein "Soft Landing" vom derzeitigen Höhenflug, das IHS weist auf "Probleme in Deutschland" hin, die dämpfend wirken könnten. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7./8.10.2006)

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    Die Wirtschaftsweisen Karl Aiginger (Wifo, li.) und Bernhard Felderer (IHS, re.) halten den Aufschwung nunmehr für "robust".

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