Irena Lipowicz erhielt Mitteleuropa-Preis

5. Oktober 2006, 12:03
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Europa bräuche mehr Mut zum Risiko und lautstarkes Bekennen zu sozialen Werten, so die ehemalige polnische Botschafterin

Wien - Europa braucht mehr Mut zur Veränderung und zum Risiko, betonte die ehemalige Botschafterin Polens in Österreich, Irena Lipowicz, die am Dienstagabend vom Wiener "Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa" (IDM) den Mitteleuropa-Preis verliehen bekam. Der mit 7.200 Euro dotierte Preis wird seit 1994 an Personen vergeben, die sich um den Mitteleuropagedanken verdient gemacht haben.

Soziale Werte

Europa sollte sich "lautstark" zu seinen historischen Wurzeln, auch den christlichen, bekennen, betonte Lipowicz. Der europäische Verfassungsentwurf sei in dem Zusammenhang noch einmal zu überdenken und "auf den Weg zu bringen". In ihrer Dankesrede strich die Wissenschaftlerin und Diplomatin hervor, dass der Kontinent Europa "soziale Werte in den Vordergrund stellt, die Würde des Menschen hoch schätzt, Ungleichheiten zu beschränken trachtet und der Bedeutung der Kultur einen entsprechenden Stellenwert einräumt".

Europas Stärken

Die Verbindung von Tradition und Zukunft, die Achtung vor der Freiheit des Wortes und ein großes Erneuerungspotenzial seien die Stärken Europas. Der europäische Einigungsprozess lasse alte historischen Wunden langsam verheilen, auch wenn "die Narben der gemeinsamen Geschichte klar erkennbar bleiben". Die Europäische Union sei als eine Art "Friedenskirche" entstanden und zu einer Wohlstandsinsel geworden, konstatierte Lipowicz.

Es gebe gründliche Diagnosen, warum trotz einer insgesamt guten Konjunktur in Europa Krisenstimmung herrsche, sagte Lipowicz. Zu oft müsse die Globalisierung als Pauschaldiagnose herhalten, "die alles erklärt und entschuldigt - auch unsere eigenen Schwächen". Lipowicz empfahl eine Wiederentdeckung der Lehren der Geschichte Europas, auch Zentraleuropas.

Von anderen Kontinenten lernen

Besonderes Augenmerk legte Lipowicz auf die Bildung. Das europäische Studentenaustauschprogramm "Erasmus" werde zwar dafür sorgen, dass es in einigen Jahren "eine neue europäische Elite geben wird - mit gemeinsamen Erfahrungen aus der Jugendzeit und vitalen beruflichen Kontakten". Die EU und die Nationalstaaten sollten aber stärker dafür sorgen, begabten Kindern von EinwandererInnen den Zugang zu den besten Eliteschulen Europas zu ermöglichen. Europa sollte ständig von anderen Kontinenten lernen, auch im sozialen Bereich, zum Beispiel die Achtung vor älteren Menschen von Asien, die wirtschaftliche Dynamik von Amerika oder die Bedeutung der Familie von Afrika.

Stationen

Die Laudatio hielt Karl Schwarzenberg. Er erinnerte daran, dass Irena Lipowicz aus Gliwice (Gleiwitz) stammt, wo der Zweite Weltkrieg seinen Ausgang genommen hat. Vor diesem Hintergrund erscheine ihr politisches und wissenschaftliches Engagement in besonderem Licht. Ab 1980 engagierte sich Lipowicz politisch: als Mitglied der Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc", später als Parlamentarierin für die Fraktion "Union der Freiheit" und innerhalb der OSZE. Irena Lipowicz war von 2000 bis 2004 Botschafterin in Österreich. (APA)

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    Irena Lipowicz war von 2000 bis 2004 Botschafterin in Österreich.
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