Geheimnis um Schillers Schädel

12. Oktober 2006, 19:56
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Experten befassen sich nun mit zwei dem Dichter zugeordneten Schädeln in der Weimarer Fürstengruft

Weimar - Wissenschaftler wollen durch vergleichende DNA-Analysen das Rätsel um Friedrich Schillers Schädel lösen. In der Weimarer Fürstengruft befinden sich seit 1914 zwei Särge mit Gebeinen, die dem Dichter zugeordnet werden. Seit Jahren gebe es kontroverse Debatten über die Echtheit der Schädel und Gebeine, sagte der Präsident der Klassik Stiftung, Hellmut Seemann, am Mittwoch in Weimar.

In dem gemeinsamen Projekt mit dem MDR, das bereits angelaufen ist, solle eine Genealogie der Familie Schiller erarbeitet werden. Vorrangig gehe es um weibliche Verwandte, da nur deren DNA unverändert vererbt werde. In Meiningen sei bereits eine Schwester Friedrich Schillers exhumiert und nach der Entnahme von Zellmaterial wieder bestattet worden, informierte Seemann.

Zudem werde mit Hilfe der Computertomographie eine Gesichtsrekonstruktion versucht, ergänzte der Anthropologe Herbert Ullrich, der bereits in den Jahren 1959 und 1961 beide Schädel gemeinsam mit einem Wissenschaftler aus der Sowjetunion untersucht hatte, indem er sie mit Gipsabgüssen von Schillers Totenmaske verglichen hatte. Damals sei er von der Echtheit des Schädels überzeugt gewesen, der sich in dem repräsentativen Eichensarg neben dem Goethes befindet.

Goethes "heilige Reliquie"

Schiller war in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai 1805 im Massengrab des Weimarer Kassegewölbes bestattet worden. 21 Jahre später verfügte der damalige Weimarer Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe, dass der Sarg des Dichters aus der Gruft gehoben werden sollte. Doch die Särge waren geborsten, die Leichen verwest, und man barg zugleich 23 Schädel aus dem Moder, wie Albrecht Schöne in seinem Buch "Schillers Schädel" berichtet. Schwabe stellte sie demnach auf eine Tafel und rief, auf den größten zeigend: "Das muss Schillers Schädel sein!"

Ein halbes Jahr später ließ sich Goethe den Totenschädel seines Dichterfreundes in sein Wohnhaus bringen, wo die "heilige Reliquie" auf einem blausamtenen Kissen unter einem mit Silber eingefassten Glassturz über Monate blieb. Nach vorübergehendem Aufenthalt in der Großherzoglichen Bibliothek kam der Schädel im Dezember 1827 mitsamt einiger Gebeine, die man Schiller zuschrieb, in die fürstliche Begräbnisstätte, wo sie sich noch heute in dem repräsentativen Eichenholzsarkophag neben dem Sarg Goethes befinden.

Im Jahr 1911 ließ der Anatom August von Froriep laut Schöne noch einmal 63 Schädel aus dem Kassengewölbe ausgraben. Nach intensiven Studien bezeichnete er einen davon als den echten Schiller'schen Schädel, was eine Gutachterkommission der Anatomischen Gesellschaft einstimmig bestätigte. Und so kam 1914 noch ein Sarg mit dem "zweiten" Schiller-Schädel in die Fürstengruft.

Die Analysen sollen im Auftrag der Klassik Stiftung Weimar vom MDR Landesfunkhaus Thüringen koordiniert und im Februar 2007 als Filmdokument produziert werden. (APA/AP)

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