Nationalistische Kroaten drohen mit Abspaltung

9. Oktober 2006, 15:58
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HDZ-BiH-Politiker: "Können aus diesem Staat auch austreten" - Sanader: "Bosnisch-kroatische Politik wird nicht in Zagreb gemacht"

Mostar/Zagreb/Wien - Nach den allgemeinen Wahlen in Bosnien-Herzegowina vom vergangenen Sonntag gärt es in Teilen der kroatischen Volksgruppe. Nachdem der Kandidat der multiethnischen Sozialdemokratischen Partei (SDP), Zeljko Komsic, zum künftigen Vertreter der kroatischen Volksgruppe im dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidium gewählt wurde, drohen nationalistische Politiker sogar mit einer Trennung von Bosnien-Herzegowina.

Die "Kroatische Demokratische Gemeinschaft" in Bosnien-Herzegowina (HDZ-BiH) hatte am Montag die Wahlniederlage ihres Kandidaten Ivo Miro Jovic, des bisherigen Präsidiumsmitgliedes, nur widerwillig eingestanden. Jovic habe die meisten Stimmen unter den bosnischen Kroaten erhalten, Komsic dagegen nur fünf Prozent, gab sich ein Sprecher trotzig. Der SDP-Kandidat habe nur dank der Stimmen der Bosniaken gesiegt.

Unzufriedenheit

Im Laufe der Woche legte Jovic selbst noch ein Schäuferl nach. Die Unzufriedenheit der Kroaten könnte auch zu einer Trennung von Bosnien-Herzegowina führen, sagte er gegenüber der Tageszeitung "Nezavisne Novine". "Das ist möglich. Niemand hat uns nach Bosnien getrieben, wir sind aus freiem Willen hier. Aber alles ist möglich."

In der kroatischen Hauptstadt Zagreb wurde auf diese Aussagen offiziell kühl reagiert: "Ich kommentiere die Aussagen von Jovic nicht", erklärte HDZ-Ministerpräsident Ivo Sanader, "das Wahlergebnis spricht für sich selbst. Die bosnisch-kroatische Politik darf und wird nicht in Zagreb gemacht werden." Zudem seien die Beziehungen zur Schwesternpartei in Bosnien-Herzegowina nicht sehr eng, weil die HDZ-BiH aus der Europäischen Volkspartei (EVP) ausgeschlossen worden sei.

Dayton-Vertrag

Kroatien sei als Unterzeichner des Dayton-Vertrages verpflichtet, sich um die Kroaten in Bosnien-Herzegowina zu kümmern, fügte Sanader hinzu. Allerdings ohne sich in die internen Angelegenheiten einzumischen.

Präsident Stjepan Mesic meint in einer kurzen Reaktion: "Die Kroaten in Bosnien-Herzegowina haben sich gespalten. Aber diese Spaltung kam von ihnen selbst und nicht von außerhalb." Die Wahlen seien jedenfalls nach vorher fest gelegten demokratischen Regeln abgehalten worden. "Daher müssen die Ergebnisse akzeptiert werden". Allenfalls könnte man für die nächsten Wahlen eine Änderung dieser Regeln überlegen.

Republika Srpska

Der Sozialdemokrat Zeljko Komsic wiederum erklärte seine schwierige Position innerhalb der kroatischen Volksgruppe in Bosnien anhand eines Beispiels aus der Welt des Fußballs. Bei einem Ländermatch Bosnien-Herzegowina gegen Kroatien würde er seiner Heimat Bosnien die Daumen drücken. "Wenn ich aber realistisch bin, weiß ich, dass ein großer Teil der Kroaten hier zu Kroatien hält. Aber ich bin überzeugt, dass sich das ändern wird."

Bosnien-Herzegowina ist seit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 in die bosniakisch-kroatische Föderation und die Republika Srpska geteilt. Zuletzt mehrten sich im bosnisch-serbischen Landesteil Stimmen, die im Falle einer Unabhängigkeit des Kosovo ein entsprechendes Referendum für die Republika Srpska fordern. Vor einigen Tage schloss die Republika Srbska einen umstrittenen Sondervertrag mit Serbien ab.

Mit dem neuen Abkommen zwischen Belgrad und Banja Luka soll die Zusammenarbeit vor allem in den Bereichen Wirtschaft, Planung, Privatisierung, Wissenschaft, Technologie, Kultur und Sport gefördert werden. Einwände gegen das Abkommen kamen vor allem von bosniakischen Politikern. (APA)

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