Material boy

18. Jänner 2007, 12:22
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Der Architekt Shigeru Ban war eingeladen, sich mit einem Stück aus dem Hause Louis Vuitton auseinanderzusetzen

der Standard: Wir sitzen hier in einem Pavillon aus Louis- Vuitton-Täschchen. Was ist die Idee dahinter?

Shigeru Ban: Ich mag die Form dieser Tasche, und ich bin froh, dass man mir dieses Stück zugedacht hat. Sie hat mich zum Pavillon inspiriert. Sogar ihre Ledergurte sind Teil der Konstruktion geworden.

der Standard: Sprechen wir über die Stücke Ihrer Kollegen, gibt es ein Objekt, das Ihnen besonders gefällt?

Ban: Ui, das ist nicht leicht zu beantworten. Mich hat vor allem beeindruckt, dass sich so große Namen auch für ein kleines Projekt wie dieses ins Zeug gelegt haben.

der Standard: Sie wurden unter anderem durch Ihr soziales Engagement weltberühmt. Ich denke an Ihre Notunterkünfte in Ruanda, die Hütten für Erdbebenopfer in Kobe usw. Ihr Projekt für Louis Vuitton dürfte eher die High Society beschäftigen. Wo liegt der Unterschied in der Herangehensweise?

Ban: Für mich existiert kein Unterschied zwischen einem großen oder kleinen Projekt, einem Job in Sachen Katastrophe oder einem Auftrag für ein Museum. Wenn ich etwas abgeschlossen habe, empfinde ich dieselbe Befriedigung, egal, worum es ging. Und die Arbeit macht mir gleich viel Spaß.

der Standard: Aber der Zweck der Objekte ist doch sehr verschieden.

Ban: Aber nicht die Bedeutung für mich als Gestalter.

der Standard: Louis Vuitton versteht sich als "Synonym für die Kunst des Reisens". Welche Art von Gebrauchsgegenstand verbinden Sie persönlich mit der Kunst des Reisens?

Ban: Ich bin eigentlich immer unterwegs, und diesbezüglich fällt mir mein "Nomadic Museum" ein (eine 4000 Quadratmeter große, hallenähnliche Konstruktion aus Schiffscontainern, Anm.). Bei diesem Projekt wird das Museum eine Art Koffer, eine Verpackung für die Kunst.

der Standard: Sie sind auch für die Wahl Ihrer Werkstoffe sehr bekannt, Papier, Karton, Bambus etc. Wenn man einen Blick auf die aktuelle Designszene wirft, zeichnet sich diese eher durch einen Mix an neuen Materialien und Technologien aus.

Ban: Ich halte das für eine gute und interessante Sache, aber ich verwende nur bestehende Materialien, und die auf verschiedene Arten. Ich erfinde da nichts Neues.

der Standard: Fasziniert Sie ein Material besonders, oder hängt die Materialwahl immer vom Zweck ab, den ein Werkstoff erfüllen soll?

Ban: Jedes Material hat seine Eigenheiten. Und davon hängt ab, wie wir es verwenden. An erster Stelle steht aber immer die Funktion, die das Material erfüllen soll.

der Standard: Sprechen wir über Papier. Verwenden Sie es auch wegen der Tradition, die dieses Material in Japan hat?

Ban: Nein. Warum sollte Papier in Japan ein traditionelles Material sein? Papier hat überall seine Tradition.

der Standard: Ich denke an die Bedeutung, die Verpackung in Japan hat ...

Ban: In Europa wird doch auch Papier als Verpackungsmaterial verwendet, oder?

der Standard: Schon, aber nicht mit dieser Hingabe.

Ban: Ich denke, das stimmt nicht wirklich. Jedenfalls denke ich in diesem Zusammenhang nicht an japanische Tradition. Ich bin von diesen Dingen auch nicht beeinflusst.

der Standard: Sie sagen, jedes Material verlangt nach einer charakteristischen Verwendung. Nun würden vielen Menschen sagen, Papier oder Karton seien keine charakteristischen Baumaterialien im Vergleich zu Beton, Holz oder Stahl.

Ban: Zuerst einmal ist Papier kein natürliches, sondern ein industrielles Produkt. Es ist leicht wasserdicht oder feuerfest zu machen. Karton ist ein sehr starkes Material. Ein Gebäude aus Beton kann durch ein Erdbeben zerstört werden, eines aus Papier aufgrund seiner Leichtigkeit nicht. Die Leute glauben, für ein starkes Gebäude braucht es ein starkes Material, aber das stimmt nicht.

der Standard: Sie arbeiten auch als Produktdesigner. Was ist der Unterschied zwischen dem Entwurf eines Hauses oder eines Sessels?

Ban: Historisch betrachtet haben Architekten immer auch Möbel entworfen. Der Unterschied zu einem Möbeldesigner ist der, dass der Architekt Möbel entwirft, die dann in seine Räume passen sollen. Ich verstehe sie als Miniarchitekturen.

der Standard: Das heißt, Sie entwerfen nie ein Möbel ohne den dazugehörigen Raum?

Ban: So ist es.

der Standard: Ihr Kollege, Frank O. Gehry, meinte einmal, einen Sessel zu entwerfen sei, als wolle man den Mount Everest besteigen?

Ban: Das stimmt, einen Stuhl zu entwerfen, ist das Allerschwierigste, vielleicht schwieriger, als Architektur zu machen. Also stimme ich ihm da zu. Es gibt ja auch nur wenige, wirkliche Meisterwerke.

der Standard: Im Rahmen Ihres "wall-less-house" untersuchten Sie die Bedeutung von grundlegenden architektonischen Elementen wie Stütze und Wand. In diesem Zusammenhang fällt mir Ihr Zitat ein: "Architektur heißt nicht bauen, sondern gestalten mit Licht und Schatten." Würden Sie sagen, Licht sei eine Art nicht greifbarer Werkstoff?

Ban: Da bin ich mir nicht sicher, aber es ist ein sehr wichtiges Element. Die Qualität eines Raumes hängt nicht von teuren Materialien ab. Wenn Licht und Schatten stimmen, kann auch mit sehr billigen und einfachen Materialien ein sehr guter Raum geschaffen werden.

der Standard: Wie verändert sich die Bedeutung eines Möbelstücks in einer "wandfreien" Umgebung?

Ban: Nun, das Möbel kreiert den Raum um sich herum. Die wandfreie Umgebung minimalisiert das Element. (Michael Hausenblas/Der Standard/Rondo/06/10/2006)

Shigeru Ban wurde 1957 in Tokio geboren. Er studierte in den 80er-Jahren bei John Hejduk in New York. Bekannt wurde er unter anderem durch den japanischen Pavillon der Expo 2000 in Hannover, den er aus Kartonröhren fertigte. Andere bekannte Projekte sind sein "naked house", das "wandernde Museum", die Kirche von Takatori (Japan) oder der Entwurf für das Centre Pompidou Metz (Eröffnung 2008).
Shigeru Ban Architects
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    foto: shigeru ban
  • Das Papierhaus von Shigeru Ban
    foto: shigeru ban

    Das Papierhaus von Shigeru Ban

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