Trulli und Sassi auf dem Stiefel

12. Oktober 2006, 13:35
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In Apulien liegt eine uralte Kulturlandschaft: Generationen haben hier erfolgreich auf Sandstein gebaut

Es ist der 12. September, und zwar bereits den vierten Tag in Folge. Das in ländlichen Gegenden immer wieder strapazierte Klischee der stehen gebliebenen Zeit, hier materialisiert es sich im Kalenderblatt an der Theke des stillen Hotels. Von Cisternino aus jedenfalls, einem der weißen, verschnörkelten Städtchen, die hoch erhoben auf den Hügeln der auslaufenden Gebirgskette Murge thronen, könnte man tatsächlich meinen, dass die Zeit eine andere, eine archaischere Bedeutung hat.

Schon allein der Blick auf ein Meer von tausendjährigen Olivenbäumen, mit denen die roterdigen und durch windschiefe Steinmauern strukturierten Äcker gespickt sind, setzt gewohnte Dimensionen außer Kraft. 60 Millionen Olivenbäume soll es in Apulien geben, für jeden Italiener einen. Aus ihren Früchten werden zwölf Prozent des weltweit produzierten Öls gepresst. Fünf Millionen davon sind dichte, knorrige Monumente, jeder für sich ein Unikat.

Sandsteinspuren

Noch führt keine Autobahn bis zum Absatz des italienischen Stiefels, und touristische Ambitionen werden erst seit wenigen Jahren gehegt. So fällt es leicht, sich auf Zeitreise durch die uralte Kulturlandschaft zu begeben, in der Griechen und Römer, Byzantiner und Normannen, Türken und Sarazenen ihre Spuren hinterlassen haben. Die Festungen und Kastelle, in deren weichen Sandstein sich Herrscher und Eroberer verewigt haben, definieren den äußersten Südosten Italiens genauso wie die behelfsmäßige Architektur unzähliger Generationen von Bauern. Diese machten den kargen Boden grün und fruchtbar, indem sie unermüdlich Steine herausklaubten und für ihre Zwecke verwendeten.

Steine, über die man unweigerlich stolpert, am prominentesten in Form der Trulli, spitzkegelförmiger Häuschen aus lose übereinander geschichteten Klötzen. Ganz ohne Lehm oder Mörtel konstruiert und somit leicht abbaubar, konnte die Landbevölkerung damit das Verbot, befestigte Dörfer zu errichten, umgehen - und schuf dadurch eine nicht nur aus statischer Sicht einzigartige Wohnbauweise. In Alberobello, einer ursprünglichen Landarbeitersiedlung, in der man sich nicht wundern würde, hinter den niedlichen Häusern sich davonstehlende Schlümpfe zu entdecken, stehen die zu hunderten angehäuften Trulli unter Weltkulturerbe. Die einstigen Arme-Leute-Häuser mit mystischen Zeichen zur Vertreibung böser Geister auf den Dächern haben sich größtenteils in Feinkost- und Souvenirläden oder Ferienwohnungen verwandelt, auch wenn sie auf dem Land noch bewohnt werden.

Während die Bauern sich abrackerten, diente der Sandstein in den Städten dazu, Kirchen und Herrenhäuser mit überbordenden Ornamenten zu errichten, so wie in Lecce, das sich stolz das "Florenz des Südens" nennt. Bezeichnend für den Stilmix der Kulturen, die sich der Halbinsel des Salento bemächtigten, ist der Hauptplatz von Lecce: Das römische Amphitheater ist umringt von halb barocken, halb romanischen Kirchen, von Bauten aus dem Mittelalter genauso wie von geradliniger, faschistischer Architektur.

Verewigt in Pappmaschee

Geht man jedoch in eine der Seitengassen, findet man eine Tradition, die ganz und gar dem steinernen Primat trotzt und es untergräbt: Dort konkurrieren alteingesessene Handwerker darum, wer die schönsten und widerstandsfähigsten Figuren aus Pappmaschee (cartapesta) herstellt. Dazu wirft das Oberhaupt eines Familienbetriebs gern einmal ein Eigenprodukt und eines der Konkurrenz mit voller Wucht auf den Boden, um zu demonstrieren, dass nur bei dem seinen kein Stückchen abbröckelt.

Päpste gibt es zu erwerben, ebenso wie Engel, die in Italien überaus beliebten Krippenfiguren, Heilige - oder auch einen Hitler-Pappmann. Die mit Stroh gefüllten Drahtgestelle, die mit einem Gemisch aus eingeweichten Papierschnitzeln und Kupfersulfat-Kleber beschichtet werden, wirken tatsächlich wie aus Stein gehauen und sind trotzdem federleicht, wenn sie in Prozessionen über das Pflaster getragen werden. Aberglaube und Glaube an Wunder sind im erzkatholischen Süden Alltag - umso größer war die Sensation, als im April 2005 der Kommunist und offen bekennende Homosexuelle Nichi Vendola bei den Regionalwahlen das bisher regierende Mitte-Rechts-Bündnis in Apulien ablöste.

Die ausgeprägteste Symbiose zwischen Stein und Mensch wurde jedoch in Matera eingegangen, einer der ältesten Städte der Welt, die sich in der angrenzenden Region Basilicata über einer Schlucht biblischen Ausmaßes erhebt. In dem seit der Jungsteinzeit besiedelten Gebiet haben sich die Menschen von jeher in den Kalkstein der steil abfallenden Hänge gegraben, um in höhlenähnlichen Löchern, den "Sassi", zu leben. Wohnraummangel und tiefe Armut trieben Tagelöhner massenhaft in die feuchten Grotten, die sich zu einer Unterstadt des schmucken Städtchens entwickelten.

Von mittelalterlichen Chronisten als "Spiegel des gestirnten Himmels" bezeichnet, fühlte sich der ins süditalienische Exil verbannte Antifaschist Carlo Levi in seinen 1944 erschienen Aufzeichnungen "Christus kam nur bis Eboli" nur mehr an Dantes Hölle erinnert. Wenn man heute auf frisch zementierten Stufen durch das wabenartige Labyrinth wandert und durch die Luken in dunkle, unförmige Höhlen blickt, kann man kaum glauben, dass hier bis in die 1970er-Jahre mehr als 15.000 Menschen ohne jegliche sanitäre Einrichtungen hausten - bis sie zwangsevakuiert wurden.

Der "Schandfleck" als Filmkulisse

Vor ein paar Jahren wurde in Matera mit der Sanierung des einstigen "Schandflecks" begonnen, und kleine Läden zogen in hinter Granatapfelbäumen und Kapernstauden versteckte Höhlen. Giacomo Bruccoli, der davon lebt, am Rande der Schlucht die Sassi für die Touristen nachzubilden, könnte sich gut vorstellen, sich in einer der Höhlen eine Werkstatt einzurichten - die 150.000 Euro, die der Staat dafür verlangt, kann er freilich nicht aufbringen. Für einen Besucheransturm auf Matera sorgte jüngst Mel Gibsons "Die Passion Christi": Die Kreuzigungsszene wurde über der Schlucht gedreht. Doch schon in den 60ern dienten die Sassi als Filmkulisse, nämlich für die Geburt Christi in Pier Paolo Pasolinis "Das erste Evangelium nach Matthäus".

Die Szene für das letzte Abendmahl wurde in der "Oberstadt" aufgenommen, im Restaurant "Al Casino del Diavolo". Franco Ritella, Besitzer der rustikalen Teufelsküche, war damals 16 Jahre alt und erzählt gerne von der Begegnung mit dem Regisseur und dessen Essgewohnheiten. Ansonsten gehen, wie großflächige Fotos an den Wänden beweisen, hochrangige Politiker, Schauspieler und Künstler ein und aus - und Gangsterbosse, fügt Ritella schmunzelnd hinzu. "Als ich neu eröffnet habe, hat mir die Mafia zwei Bomben ins Lokal gelegt." Im noch immer weitgehend vernachlässigten Süden, wo jeder Fünfte arbeitslos ist, gehört die sacra corona unita, wie die hiesige Organisation heißt, zu den erfolgreichsten Unternehmen - daran ändern auch 600 apulische Steinbrüche nichts. (Karin Krichmayr/Der Standard/Rondo/06.10.2006)

Anreise: z.B. via Rom und Bari: Alitalia
Unterkunft: z.B. im Hotel Lo Smeraldo, Cisternino,
Provinz Brindisi, Tel.: 0039 80 71 87 09
Reiseveranstalter: Esperia
  • Einst Arme-Leute-Häuser, heute Weltkulturerbe - die Trulli.
    foto: pixelquelle.de

    Einst Arme-Leute-Häuser, heute Weltkulturerbe - die Trulli.

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