Kurz gehalten

17. Oktober 2006, 11:37
posten

Das nächste Frühjahr wird die Zeit der Minilängen. Das demonstrierten die Mailänder Modeschauen. Sie sagten dem Winterschwarz schon jetzt Lebewohl

Ein fast trotziger Optimismus schien die Mailänder Designerschauen für Frühjahr/Sommer 2007 zu einen. Soll doch die Weltlage sein, wie sie will, die Röcke von Donatella Versace sind schenkelkurz, die Taillennähte Empire-hoch und legen Weiten in Falten. Dazu passen Bolerojacken mit Goldknöpfen, am schönsten in Kükengelb. Und minikurze, gerade Hängerkleidchen aus grobem Seidenleinen zeigen riesige Bogenlinien, die sie wie auf Sixties-Tapeten in Farbflächen verteilen. Nach dunkler Lagenmode in diesem Winter, die viele als Antwort der Mode auf die politische Weltlage interpretierten, sind jetzt die sechziger Jahre wieder dran. Ein Grund dürfte eine Ausstellung im Londoner Victoria&Albert-Museum sein, die unter dem Titel "Swinging Sixties" der Mode wieder Beine macht.

Und so sieht man knappe, gerade Shirtkleider bei Burberry in golddurchwirkten Brokaten mit Tütenärmeln, bei Pollini in polymesichen Blau-Weiß-Drucken. Christopher Bailey (Burbery) schmückt Säume mit großen, buckeligen Chromnieten, was an Jeanne d'Arc erinnert, Rifat Ozbek (Pollin) setzt Federn ans Dekolletee. Schuhe mit Plateausohlen und dicken Absätzen glänzen wie Stanniol-Silber.

Die Stunde der Minilängen

Einen Schritt weiter geht Frida Giannini bei Gucci, als sie weiße, romantische Baby-Doll-Kleidchen mit ungarischen Bauernblumen in Mohnrot bestickt. Gebauschte Ärmel und Volantsäume scheinen von der Puszta zu träumen, große Paisleys auf wehenden Chiffonabendkleidern lassen an Piroschka denken. Daran können auch knappe Jeansanzüge mit grafischen Rasterdessins nichts ändern. Es ist die Stunde der Minilängen, weil sie Jugend signalisieren. Wem sie zu kurz erscheinen, der kann ja Leggings unterziehen, wie es Matthew Williamson zeigt, der neue Mann bei Emilio Pucci. Genau zum richtigen Zeitpunkt besinnt er sich auf des Marcheses glanzvolle Jahre auf Capri und lässt wieder wellenlinige Pucci-Prints in Türkis und Aqua auf kurze Kleider in A-Linie drucken. Ein eng gegürteter Mantel in strahlendem Swimmingpool-Blau macht Urlaubslaune.

Farben und Drucke sind generell wieder in die Mode zurückgekehrt und sagen dem Winterschwarz den Kampf an. Sogar bei Jil Sander zeigt der Belgier Raf Simons schmale Anzugsilhouetten mit geraden Jacken in verschiedenen Längen - und in Zitronengelb oder Mango. Eine smaragdgrüne Seidenbluse leuchtet zwischen Schwarz. Dazu paradieren raffiniert geschnittene Kleider in Kokon-Form als exzentrischer Kontrast zum minimalistisch-kargen Tailoring der Jacken.

Auch Miuccia Prada verblüfft, als sie Rubinrot mit Bischofslila im Duett und aus winterdickem Satin, für einen breitschultrigen, schenkelkurzen Glamour-Look im Hollywood-Stil der vierziger Jahre zum Einsatz bringt. Hatte sie Brian de Palmas in den Forties spielender neuer Film "Die schwarze Dahlie" inspiriert? Jedenfalls erinnern knappe Shorts an Rita Hayworth, wadenlange Rockfutterale zitieren die Couture jener Zeit. Dazu tragen Miuccias Ladys Satinturbane und hochhackige Sandaletten mit Klötzchen an den Sohlen und spitzen Dolchabsätzen. Doch La Pradas Lady bleibt ein Tramp - als sie, zumindest fallweise, Riesenrucksäcke mit sich schleppt.

Rokokoranken auf Piratenhemden

Neben den kurzen Längen sind es die neuen Weiten und Volumen, mit welchen sich die Designer beschäftigen. Nur vier Männer scheren aus. Zwar greifen auch sie zu Minilängen oder Zeltweiten, ordnen sie aber konsequent dem eigenen Stil unter. So druckt Roberto Cavalli zartblaue Rokokoranken auf Piratenhemden mit Schinkenärmeln und Trompetenrüschen, die er prompt unter überreich mit Gold bestickten Westen aus weinroter Pythonschlange versenkt. Goldbordüren protzen auf Leinenjacken und weiten Röcken. Warum sollte Cavalli auf den geliebten Dekor verzichten, nur weil es die Mode sagt? Und warum sollte Giorgio Armani schenkelkurze Röcke zeigen, wenn es knöchellang auch geht? Ansonsten kehrt er mit weich fließenden Pyjamahosen und knapp taillierten Jacken zum wohl bekannten, androgynen Stil zurück.

Noch konsequenter gehen Domenico Dolce und Stefano Gabbana vor. Mag sich die Mode mit neuen Volumen auseinander setzen, ihnen ist der weibliche Körper Volumen genug. Also polstern sie Busen und Hüften auf, halten die Taille knapp und kreieren einen fast überzeichneten, kurvigen Thierry-Mugler-Look im Stil der achtziger Jahre, den sie mit Plastikblenden an Dekolletees und Rocksäumen betonen. Und das konsequent in Schwarz. (Peter Bäldle/Der Standard/Rondo/06/10/2006)

  • Artikelbild
    foto: epa
Share if you care.