Bunte Vögel

2. Jänner 2007, 13:42
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Vor vierzig Jahren, als vier Geschwister das Strickunternehmen Benetton gründeten, war die Textilsparte noch überschaubar. Heute ist die Konkurrenz riesig

Eine Modeschau gab es in der Geschichte von Benetton noch nie - das passte einfach nicht zum Image des sleeken italienischen Hauses. Am 10. Oktober findet im Pariser Centre Pompidou jetzt erstmals ein Catwalk statt: aus Anlass des 40. Geburtstags des Konzerns und flankiert von einer Ausstellung über Fabrica, Benettons Kulturzentrum. Mittlerweile verdient der Konzern seine Milliarden nur mehr teilweise in der Textilsparte (mit Benetton, Sisley, Playlife und Killer Loop) und vorwiegend durch seine zahlreichen Finanzbeteiligungen (Autoraststätten, Infrastrukturen und Dienstleistungen). Der Sitz des Unternehmens mit rund 60.000 Mitarbeitern ist auch heute noch die venezianische Kleinstadt Ponzano. Hier trafen wir Giuliana Benetton (geb. 1937), einzige Frau in der vierköpfigen Benetton-Geschwisterriege und zuständig fürs Design. Darüber - und nur darüber - war sie bereit, mit uns zu sprechen.

der Standard: Genau vor 40 Jahren, Mitte der 60er-Jahre, gründeten Sie gemeinsam mit Ihren drei Brüdern das Unternehmen Benetton. Das war eine Zeit, die viele Umwälzungen brachte. Hat Sie die Aufbruchstimmung damals beflügelt?

Giuliana Benetton: Die 60er-Jahre waren ganz einfach die Zeit, als wir volljährig wurden. Mein Hobby damals waren Strickwaren. Mein großer Bruder Luciano dagegen war schon damals Geschäftsmann, er schwang sich aufs Rad und verkaufte meine Pullover. So fing alles an, später stiegen auch Gilberto und Carlo ein.

der Standard: Was war das Besondere an Ihren Strickwaren?

Benetton: Für mich waren es ganz einfache Pullover, die ich für meine Brüder herstellte, nichts Besonderes eigentlich, aber doch anders als jene, die man damals kaufen konnte.

der Standard: Aufsehen erregten Sie durch die vielen unterschiedlichen Farben, in denen Sie Ihre Pullover anboten.

Benetton: An einem Pullover selbst lässt sich ja nicht so viel ändern, Farben aber gibt es unendlich viele. Das Spezielle an Benetton war, dass wir unsere Pullover aus ungefärbtem Garn herstellten und erst dann einfärbten, als klar war, welche Farben gerade im Trend lagen.

der Standard: Waren die Benettons Revolutionäre?

Benetton: Wir mussten damit fertig werden, dass unser Vater starb, als wir klein waren. Er starb mit 34 Jahren, das war 1945. Für die damalige Zeit war er sehr modern, mit einem großen Weitblick. Der Markt damals ist ja nicht mit dem heutigen zu vergleichen. Vieles fehlte, es gab kaum Konkurrenz. Das große Glück von uns vier Geschwistern war, dass wir alle komplett unterschiedlich sind. Wir ergänzen uns wunderbar.

der Standard: Familienunternehmen haben gerade in Italien eine lange Tradition, auch in der Modeindustrie. Die Ferragamos, die Biagottis, Versace oder auch Prada. Sind Familienunternehmen im heutigen Wettbewerbs noch zeitgemäß?

Benetton: Ja. Wenn ich heute einen meiner Brüder sehe, dann kann ich Ihnen genau sagen, was er gerade denkt. Es gibt eine so große Kraft in unserer Familie, das gibt es kein zweites Mal. Sie haben Versace erwähnt: Da gab vielleicht Gianni den Ton an. Bei uns wurden die Aufgaben auf komplementärer Basis geteilt.

der Standard: Gerade dann besteht oft ein großes Konkurrenzverhältnis.

Benetton: Nicht bei uns, da jeder seinen eigenen Bereich hatte. Ich war für die Stoffe zuständig, für die Wolle, fürs Design und für die Prototypen. Da haben sich meine Brüder nie eingemischt, wir lassen uns gegenseitig große Freiräume. Mein Bruder Gilberto war für die Administration verantwortlich, ich vertraue ihm da blind - genauso wie Luciano, der in seinem Bereich einfach fabelhaft ist, und Carlo, der sich mit der Produktion beschäftigte.

der Standard: Waren Sie auch einverstanden, als Luciano gemeinsam mit Oliviero Toscani in den 80ern und 90ern Werbung mit Aids-Toten oder mit Bürgerkriegsbildern machte?

Benetton: Natürlich. Wenn mein Bruder etwas will, dann habe ich unbedingtes Vertrauen zu ihm. Schauen Sie, wenn Sie jemandem nicht vertrauen, können Sie nicht mit ihm arbeiten. Ich erinnere mich noch, es war der Abend des 28. April 2000, als Luciano uns mitteilte, dass wir in Zukunft nicht mehr mit Toscani arbeiten. Da war auch unsere Mutter dabei, sie war die Einzige, die hin und wieder die Zusammenarbeit kritisierte: "Endlich wurden Luciano die Augen geöffnet", sagte sie.

der Standard: Sie und Ihre Brüder haben sich vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen ...

Benetton: ... ja und nein. Wir machten einen Schritt zurück und haben nun Rollen, die nicht im operativen Bereich liegen. Ich empfinde heute, dass ich die gleichen Dinge tue, die ich bereits in den vergangenen 40 Jahren gemacht habe.

der Standard: Der Konkurrenzdruck angesichts von Unternehmen wie H&M oder Zara ist riesig. Ihre Zahlen sind nicht mehr so gut wie früher. Ist die Hochzeit von Benetton vorbei?

Benetton: Wir sind immer unseren eigenen Weg gegangen, wenn alle Jacken hergestellt haben, haben wir Pullover gemacht. Das war möglich, weil es kaum Konkurrenz gab, es war eine andere Welt. Heute ist es unsere Pflicht, den Konsumenten das zu geben, was sie sich wünschen. Was die Zahlen betrifft, kann ich nur sagen, dass wir heute sehr gute Ergebnisse haben.

der Standard: Als ich vorhin Ihre Designabteilung besichtigte, hingen da Bilder von den Laufstegen in Paris und Mailand. Muss man sich als Massenhersteller daran orientieren?

Benetton: Ich bin da kritisch, meine Natur ist da anders ... Aber ich glaube, man muss das Bestehende kennen, um darüber hinauszugehen!

der Standard: Revolutionärer?

Benetton: Ja, ich schwimme viel lieber gegen den Strom, auch wenn der Markt heute die Trends bestimmt, so schwierig das ist. In den ersten zehn, zwanzig Jahren machte Benetton, was es wollte, dann kamen all die Artikel wie Schuhe, Taschen oder Socken dazu, heute statten wir Menschen vom Scheitel bis zur Sohle aus.

der Standard: Das Benetton-Image prägte jahrelang Toscanis Werbung. Fehlt es dem Unternehmen?

Benetton: Nein. Wir müssen uns weiterentwickeln, im Bereich der Produkte genauso wie im Bereich der Werbung. Die Zeit für die schockierende Werbung Toscanis war irgendwann vorbei. Mit Fabrica haben wir eine neue Ära begonnen.

der Standard: Die Textilsparte ist nur ein Teil der Edizione Holding, der Muttergesellschaft Benettons. Was denkt die neue Generation über die Zukunft Benettons? Lucianos Sohn Alessandro ist Vizepräsident des Verwaltungsrates.

Benetton: Die nächste Generation weiß, dass in der Bekleidungssparte unsere DNA liegt und wird das auch immer respektieren. (Stephan Hilpold/Der Standard/Rondo/06/10/2006)

  • Artikelbild
    foto: benetton
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