Lüften

5. Oktober 2006, 17:57
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Frische Luft um nicht geselcht zu werden - Oder: Nordpolgefühl am Arbeitsplatz als Waffe

+++Pro
Von Christian Schachinger

Morgens um neun wird bei uns im Büro schon Speck geselcht. Mit bis zu 60 Zigaretten allein bis Dienstschluss. Dann kommt der Samariterbund und überstellt den armen Kollegen nebenan nach Hause ins Sauerstoffzelt. Die seit Bestehen dieser Zeitung bewährte Räuchermethode mit Camels mag zwar für alle Betroffenen Leid und Entbehrungen bringen. Vor allem der Selchmeister selbst grämt sich wegen des jüngsten EU-Verbots der filterlosen Hardcore-Version. Er muss jetzt von der Camel-für-Mädchen-Ausgabe immer erst das Lungenkondom runterreißen.

Wir Kollegen aber profitieren von dieser Sucht ungemein. Leben bedeutet für den Schwachen Verweichlichung, für den Starken Abhärtung. Egal zu welcher Jahreszeit: Fenster auf und Frischluft rein! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viel Heizkosten man zu Hause spart, wenn aus Rache in der Arbeit die Zimmertemperatur auf konstante acht Grad gesenkt wird. Am Problem des Sommers wird gearbeitet. Aber ein Tischventilator kann durchaus auch als Waffe eingesetzt werden.

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Contra---
Von Ljubiaa Toaiæ

Klar. Es gibt Situationen, in denen auch ein Raucher lüftet. Erstens braucht es zum Paffgenuss ein Mindestmaß an frischer Luft. Zweitens - und glauben Sie einem, der in Hotels um Mitternacht Feueralarme ausgelöst und Hotelpersonal auf den Plan gerufen hat - ist es unabdingbar notwendig, so man sich in unfreundlichen Nichtrauchermilieus Belästigung ersparen will. An der Skepsis dem Lüften gegenüber kann dies indes nichts ändern. Erstens glauben wir nicht mehr an die Qualität unserer Luft. Zweitens sind wir geschädigt, da der Lüftvorgang in der Regel als Waffe gegen uns eingesetzt wird. Im Winter eine brutale Sache. Der Glimmstängel schmeckt ja ab einer gewissen Temperaturtiefe wie brennendes Papier. Und dann das Nordpolgefühl am Arbeitsplatz! Mit Pelzmantel und Handschuhen bewaffnet in die Tastatur zu hämmern, würde zwar helfen, es erhöht aber die Tippfehlerquote. Möglich, dass tägliches Duschen mit Eiswürfeln einen härter machen würde. Dies zu versuchen, wäre allerdings schon ein Sieg, den man den Lüftern nicht gönnen will. (Der Standard/Rondo/06/10/2006)
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