Viki und die starken Tänzer im Flamingo Bingo

4. Oktober 2006, 19:40
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Mit seiner autonomen Abteilung für Tanz, Theater und Performance schreibt das WUK an der Wiener Tanzgeschichte mit

Seit Mitte der 80er-Jahre, wie nebenbei, aber höchst maßgeblich – als Produktionsort und Schutzzone für wenig marktkonforme Werke.

Eigentlich sollte "ttp", das den Tanz-, Theater- und Performancebereich des WUK markiert, die Abkürzung für "Traumtänzerpark" sein. Denn der ttp hat sich über 20 Jahre hin – so lange existiert diese Abteilung heute – als Garten des Guten entwickelt, in dem Dinge passieren können, die nicht ganz in unsere Professionalismuskultur passen wollen.

Während der vergangenen zehn Jahre ist viel von dem, was Tanz im WUK ausgemacht hat, verweht: Vor allem der Verlust des engagiert kuratiert gewesenen "Tanzsprache"-Festivals schmerzt bis heute, und auch das kleinere Format "Neuer Tanz" hat die Jahrtausendwende nicht erlebt. Aber ein Traumtänzerpark muss kein Fegefeuer der Sentimentalität sein. Im WUK werden viele Hoffnungen geboren. Und manche stehen nach vielen Jahren noch so immergrün da, als hätte sie sich jemand gerade frisch gemacht.

Dem Park angefügt wurde 2000 von Anita Kaya das Performance-Experimentierbeet "Im_flieger", das im Vorjahr mit dem rumänisch-österreichisch-französischen Performanceprojekt "terrains fertiles" Anerkennung eingefahren hat. "Im_flieger" gibt es immer wieder "Wilde Mischung" genannte Präsentationen junger darstellender Kunst, vor allem von Künstlern, die (noch) außerhalb der Marktmechanismen arbeiten.

Gegen Marktmuster

Die in jedem Sinn Tollsten im "ttp" sind jene, die sich gegen alle Marktmuster wenden. Dazu gehören sicherlich Viki Berger und Wolfgang Dangl, die als "eine : einer" den Gipfel des (sanften, minimalistischen) Radikalismus in der zeitgenössischen österreichischen Choreografie halten. Oder Sabine Sonnenschein, die als eingeklammerter "(sonnenschein)" auf den Wassern künstlerischer Grenzbereiche tanzt. Es gibt Gruppen im WUK, die eher im Verborgenen arbeiten, wie Johannes Benkers "UI" oder "konnectiv" von Sabina Holzer und Sonja Schmidlehner. Daneben hält sich auch die wöchentliche "Contact Jam", die von den Wiener Tänzern seit vielen Jahren gern frequentiert wird.

Ohne die besondere Atmosphäre inklusive der günstigen Probenmöglichkeiten in den Räumen des WUK, die da heißen "Flamingo Bingo" oder "Flieger" (siehe oben) oder schlicht "1407", wäre in Wien viel weniger getanzt worden. Bert Gstettner hat hier die ersten Bausteine für sein Tanz*Hotel zusammengetragen, Szenegrößen wie Daniel Aschwanden und Willi Dorner probten hier ihre Anfänge, und so gut wie alle Choreografen und -innen der Stadt haben in dem Kulturzentrum Arbeiten zum Besten gegeben. Die Größen haben längst ihre eigenen Räume. Im April dieses Jahres ist auch das renommierte "theatercombinat" um Claudia Bosse verzogen.

Zu den Künstlern aus dem Traumtänzerpark, die sich nachhaltig ins internationale Umfeld vorgewagt haben, gehört neben Gstettner, Dorner, Aschwanden und dem "theatercombinat" auch Barbara Kraus. Sie kam 1994 von Amsterdam als so zornige wie gewitzte Künstlerin nach Wien zurück. Heute ist sie aus der Performanceszene nicht mehr wegzudenken: eine Identitäten- und Gendermischmaschine, die in den Zeiten ihrer größten Wut ihren Zuschauern auch rüde begegnen konnte und, als "JohnnyPlayerSpezial" verkleidet, misstrauisch auf "der Kraus" herumhackt. Diese will unserem spaßig-verzopften Gesellschaftsspiel nicht trauen. Mit "Fuck all that shit!" hat sie ihrem Publikum bei ImPulsTanz 2006 wieder nachgewiesen, dass Wut und Witz zusammenpassen, wenn alle Beteiligten den Mut haben, sich auf den wirklichen Irrsinn mit fantastischem Realitätssinn draufzusetzen.

Nicht ganz so prominent sind Andrea Bold und ihr "Tanzverein Erdberg", dafür aber ebenfalls sehr affin mit einer choreografischen Performanceästhetik, die in Wien während der 90er-Jahre blühte. Ihr Wert wurde damals weit unterschätzt, durfte aber vor allem im WUK existieren. Neben den feinen, poetischen und auch noch ziemlich humorigen Werken der geborenen Kölnerin Bold gab es unter anderem noch das politische Aufbegehren eines Dieter Rehberg, eine "Diskrete Ordnung Chaotischer Herren" sowie eine "Damenimprovisation" samt "HerrenBIGbäng". Hin und wieder schaute auch die Kultgruppe "Lux Flux" vorbei. Und hier liegt die Bedeutung des Traumtänzerparks auch heute: Er bleibt ein Areal für künstlerische Möglichkeiten, die "draußen" gerne ignoriert werden. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2006)

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    Traumtänzerische Selbstsicherheit 2001 im WUK: das Stück "Hundred Fifty Feet" .

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