Das Kreuz mit dem Oldtimer

16. Oktober 2006, 07:22
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Auf dem Kongress der britischen Tories gibt sich David Cameron als Mann mit Herz und moderner Familienvater. Seine widerstrebende Partei will sich aber nicht erneuern lassen

Die Bühne ist hell, die Kulisse südländisch. Ein wolkenloser Kunsthimmel erstrahlt in mediterranem Blau, durch zartgrüne Baumkronen strömt Sonnenlicht. Hell, warm, sonnig, so stellt sich David Cameron seine Tory-Partei vor, die New Tories, die er beharrlich in die Mitte zu lotsen gedenkt.

Die New Tories haben ein Herz für die Familie, die Umwelt, die Schwachen. Sie tragen Jeans und keine Krawatten, trinken lieber Tropensäfte als Tee und laden sich ihre Musik aus dem Internet herunter. Im Saal sitzen sie mit Fernbedienungen, wie man sie aus "Wer wird Millionär?" kennt. So sind sie jederzeit bereit, einen Kommentar auf den Bildschirm zu beamen, rebellische Sätze in Richtung der Law-and-Order-Fraktion: "Wenn Sie obdachlos wären und kein Geld hätten, würden Sie vielleicht auch stehlen."

Es ist der erste Kongress der britischen Konservativen, den David Cameron als Parteichef bestreitet. Eingeläutet hat er das Spektakel schon daheim in Notting Hill, dem Londoner Szeneviertel. In seiner Küche kratzte er Obstschalen in den Abfalleimer, wusch Teller und Tassen, plauderte mit seinen Kindern - der Prototyp des zeitgemäßen Familienvaters. Eine Webkamera ("Webcameron") filmte den Musterpapa, pünktlich zum Konferenzbeginn ging der Streifen ins Netz. Leitmotiv: Seht her, wir sind normal, wir sind die Zukunft.

Am Mittwoch, als der Modell-Daddy seine Grundsatzrede hielt, schlug er die gleiche Melodie an. Vieles drehte sich um die Familie, ergo auch um den staatlichen Gesundheitsdienst, dem sich die Briten in inniger Hassliebe verbunden fühlen. Es war ein Labour-Kabinett, das ihn nach dem Krieg aus der Taufe hob. Später sparten Thatchers Tories den Riesen kaputt, nun reißt Cameron das Ruder herum. Er weiß, dieses Thema kann Wahlen entscheiden.

Der Gesundheitsdienst zähle zu den größten Leistungen des 20. Jahrhunderts, lobt er. "Wenn sich Ihre Familie immerzu auf ihn verlassen muss, dann wissen Sie, wie kostbar er ist." Er selber wisse das nur allzu gut. Neben zwei gesunden Kindern haben die Camerons einen vierjährigen Sohn namens Ivan, der zerebral gelähmt ist. Sie reden offen darüber, auch das gilt als Novum in ihren Kreisen.

Wie schwer sich der Reformer mit seiner Partei tut, hat ein Karikaturist des Independent aufs Trefflichste gezeichnet. Da strampelt der Neue auf einem Fahrrad, versucht, einen rostigen Oldtimer abzuschleppen, aber der will sich nicht vom Fleck rühren. Er hat keine Räder. Hinterm Lenkrad sitzt ein Greis mit eisgrauem Haar, und jeder weiß, wen der Karikaturist meint: Norman Tebbit, Grande und Bremser in einer Person, ein Poltergeist, der seine Blüte an der Seite Lady Thatchers erlebte. "Runter mit den Steuern!", lautet seine Lieblingsparole. Niedrige Steuern seien seit jeher ein Zeichen der Marke Tory. Dass Cameron sie nicht zusagen wolle, zeige, dass er prinzipienlos sei, inhaltsleer, nur ein schönes Etikett. (Frank Herrmann aus Bournemouth, DER STANDARD, Print, 5.10.2006)

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    "A New Direction" - eine neue Richtung will David Cameron seiner konservativen Tory-Partei geben. Die sperrt sich.

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