Freie Liebe in der Naglergasse: Andreas Vitaseks neues Programm

5. Oktober 2006, 20:00
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"My Generation" zieht Rückschlüsse auf die Gegenwart

Wien - Damals, als er pro forma Theaterwissenschaft studierte, gab es "starke Frauen" (die "Tussis" kamen erst später). Damals hatten die Linken immer die richtige Antwort parat. Und damals lebte er in einer Männer-WG. In der Naglergasse. Dort wurde viel über die freie Liebe geredet. Aber als es endlich ans Ficken ging, kam Aids. Das sei das Problem seiner Generation gewesen.

In My Generation, untermalt vom gleichnamigen Song der Who, erzählt Andreas Vitasek, auch schon 50, aus seiner Vita. Das macht er grandios. Vor allem, weil er das Schwelgen im kollektiven Erinnern (Gloggs! Siddharta! Mahavishnu Orchestra! Palmers-Entführung! Tantra!) bereits im Keim erstickt: Vitasek gelingt unentwegt ein Brückenschlag zur aktuellen politischen Lage.

Und gerade bei diesen Rückschlüssen beweist er seine hohe Kunst des Kabaretts. Denn Vitasek scheint in den zwei Tagen zwischen dem überraschenden Wahlausgang und der Premiere am Dienstag im Rabenhof nicht sehr viel umgeschrieben oder gar gestrichen zu haben: Er kann nach wie vor von seinen Erfahrungen als Komparse im Burgtheater erzählen, vom Spiel der Mächtigen, das Giorgio Strehler nach den Rosenkriegen von Shakespeare inszenierte, und von dessen Entscheidung, Franz Morak doch nicht Richard III. spielen zu lassen.

Einer der Höhepunkte in Vitaseks zehntem Programm bildet der treffende Vergleich der SPÖ-Gartenfeste 1998 und 2006. Damals, unter Kanzler Klima, war der Elsner da, und es herrschte Endzeitstimmung - wie im Kirschgarten. Heuer war zwar die Promi-Dichte gering, jene der Porsche aber hoch. Acht Jahre wären ja genügend Zeit gewesen für eine Erneuerung, so Vitasek. Aber wenn's auch so geht ...

Sein Monolog auf der roten Designer-Couch, Freud zu Ehren, misslang hingegen. Die verzweifelte Suche nach dem Ich, die seine Generation mitgeprägt habe, nimmt er zum Schluss noch einmal auf: im Dialog mit einer Ich-Puppe. Sie sieht eher Westenthaler als Vitasek ähnlich. Sie sagt: "Es ist nicht immer angenehm, sich zu finden." Und sie spielt den Beginn des Abends nach. Etwas hölzern. Auch wenn diese Klammer an Woody Allens Annie Hall erinnert: ein berührender Seelenstriptease. (Thomas Trenkler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2006)

  • Im Clinch mit einer Puppe, die sein Ich sein soll: Andreas Vitasek.
    foto: r. newman

    Im Clinch mit einer Puppe, die sein Ich sein soll: Andreas Vitasek.

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