Fingerkuppenzeichen beim lehrhaften Spaß: Gunkls neues Programm

5. Oktober 2006, 20:01
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"Wir - schwierig"

Wien - Die lapidaren Auftritte des Kabarettisten Gunkl gleichen Predigten - ohne dahinter stehende Religion. Der Mann pflanzt sich mittig auf die leere Bühne und bezweifelt in einem wortdrechslerischen Redefluss diverse für uns Menschen (von der Wissenschaft oder sonst wem) getroffene Übereinkünfte.

Gunkl gilt als Professor unter den heimischen Humoristen und bleibt sich darin mit verdächtigem Fingerkuppentippen auch in seinem neuen Programm Wir - schwierig treu. Bei der Premiere am Dienstag in der Kulisse brachte er mit quantenmechanischen Querschlägen (nachgelesen bei Anton Zeilinger?) so nebenbei auch Ludwig Wittgenstein zu Fall ("Die Welt ist alles, was der Fall ist").

Und geschmeidig wippend serviert er als ausdauernder Zweifler seine eigenen leckeren Erkenntnisse über fremde Urlaubsvideos, über den Kirchenvater Augustinus oder die innere Logik von Drehbüchern. Wie gesagt: keine Religion, aber auch kein Dialogangebot an die Kirche. Für Gunkl ist klar: "Gott ist tot", und auch die Idee von "Intelligent Design", zu der sich bekanntlich Kardinal Schönborn im Juli 2005 bekannte, passt ihm nicht: Die Komplexität der Natur ist ohne Gott nicht denkbar, heißt es demnach. Gunkl: "Na jo, do muass ma halt a bissl nachdenken ..." Und so göttlich gescheit sei es auch wieder nicht, dass die Speiseröhre in unmittelbarer Reichweite der Zähne angesiedelt wurde. Eine gute Idee aber schon.

Zwei Mal wird's aktuell: In puncto Bebilderung verhalte sich die Höhlenmalerei umgekehrt proportional zum heutigen Fernsehen: Je mehr Fläche zur Abbildung zur Verfügung stehe, desto Unwichtigeres sei darauf zu sehen. Das andere Mal gunkelt's soziologisch: Zum titelgebenden Thema "Wir" bzw. "Gruppe" gestattet sich der gleichmütige Kabarettist mehrere Anläufe. Fazit ist: Mitschuldige sind stets die besten Bündnispartner! Soll heißen: Politiker treiben in verschiedenen Schuldigkeitszirkeln ihre Karrieren voran. Ein eher alter Hut, dramaturgisch aber gut eingepasst.

Zwischendurch kommt es zu schönen Sätzen wie "Die Enttäuschung ist meist schöner als die Klarheit, die dann vorliegt." Und wenn nicht Menschen in T-Shirts mit der Aufschrift "drah' kan füüm" so offenherzig akklamiert hätten, dann hätte Gunkl auch Peer Gynt neu weiterentwickelt. (Margarete Affenzeller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2006)

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