Klasse statt Masse

4. Oktober 2006, 18:52
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Perspektiven für Berufsnomaden

Leonie hat schon einiges ausprobiert. Sie hat als Kellnerin, im Callcenter und auf der Baustelle gearbeitet "und noch einiges mehr, aber da könnt' ich stundenlang erzählen". Nach der Matura fehlte ihr die berufliche Perspektive. "Zumindest war nichts dabei, wo ich mir vorstellen konnte, das länger als ein paar Monate zu machen", berichtet die heute 20-Jährige. Ein Leben als Berufsnomadin ohne weitere Ausbildung, das sie auf Dauer nicht glücklich machte. Fabian ging es ähnlich: Zwei Jahre lang versuchte er, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ohne Erfolg. Heute sind beide Teil des Projektes "space!lab" und sehen erstmals eine berufliche Perspektive - im Bereich Eventmanagement.

Lernen und arbeiten

Bei "space!lab" erhalten junge Arbeitslose Beschäftigung und Ausbildung in den Bereichen Garten- und Parkgestaltung sowie im Event-Management. "Wichtig ist, dass wir nicht nur reine Qualifizierung bieten, sondern Beschäftigung und Qualifizierung mischen", berichtet Urban Regensburger vom WUK. Nach zwei Monaten Grundkurs dürfen sich die Jugendlichen, unterstützt von der Volkshilfe, schon ins Arbeitsleben stürzen. Dadurch sind auch die Abbruchsraten relativ gering. "space!lab" ist neben "hiphopera", in dem mit Jugendlichen ein HipHop-Musical erarbeitet wird, und "Epima 2", einem Qualifizierungslehrgang für junge Asylwerber, das dritte "Equal"-Projekt des WUK. Förderungen für diese Programme werden von der EU für innovative Arbeitsmarktprojekte vergeben. Allerdings nur noch bis 2007, dann läuft die EU-Finanzierung aus - wie es danach weitergeht, ist noch unklar.

Prekäre Lage

Neben den "Equal"-Projekten werden Handwerkskurse für Lehrabbrecher und Beratungsprojekte für arbeitssuchende Jugendliche angeboten, darunter einige für junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Schon seit mehr als 20 Jahren finden arbeitslose, benachteiligte Jugendliche zwischen 13 und 25 Jahren im WUK die Unterstützung, die sie brauchen. Der Ansturm auf die Angebote ist enorm: Etwa 1000 Beratungen werden pro Jahr durchgeführt, etwa 120 Jugendliche befinden sich in Ausbildungen. Nicht zuletzt aufgrund der prekären Lage am Arbeitsmarkt: "Qualitätsvolle Arbeit mit jungen Erwachsenen erfordert Ressourcen. Leider geht der Trend in der Arbeitsmarktpolitik in Richtung Masse statt Qualität", erzählt Ute Fragner, Leiterin der WUK Ausbildung und Beratung.

"Früher habe ich immer nur gearbeitet, um meine Miete irgendwie zu zahlen, jetzt habe ich endlich eine langfristige Perspektive", erzählt Leonie. Fabian stimmt ihr zu: "Wenn man einen Lebenslauf liest, schaut das alles nicht so tragisch aus. Aber was dahinter steht - Schulden, psychische Probleme -, das kann man da nicht herauslesen." Im WUK fühlt er sich erstmals verstanden: "Das ist nicht nur ein Job, das ist eine Stütze!"

Die Zukunft der WUK-Ausbildung ist ungewiss ... (Anita Zielina / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2006)

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