Das Herz der Stadt rockt

9. April 2008, 14:47
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Konzerte und Clubbings im WUK bedeuten neben professioneller Abwicklung vor allem angenehme Atmosphäre

Zudem zählt es zu den hauptverantwortlichen Veranstaltungsorten, die Wien aus dem popkulturellen Mittelalter führten.


Die Cardigans, Moloko, die todtraurigen Tindersticks, die längst aufgelösten Grunge-Götter Tad, die Zeitlupen-Rocker Codeine, die Sofa Surfers, Marc Ribot, die unantastbaren Melvins, Fuckhead, Jon Spencer und seine Blues Explosion, Tar, Wipeout, Carcass, Godflesh, Deus, Der Scheitel, Fetish 69, Unsane, Scorn, die Einstürzenden Neubauten, Bonnie "Prince" Billy, Planet E, Blumfeld, Kruder & Dorfmeister, Rockers Hi-Fi, die von einem grausamen Gott aufgelösten Go-Betweens, The Streets, DJ Shantel, Seeed, Smog, Nova Mob, T Raumschmiere, Lambchop, Ween, Jamie Lidell, und, und, und.

Diese Aufzählung könnte noch ziemlich lange so weiter gehen. Das kann sie aber aus Platzgründen nicht. Der hier gebotene und unvollständige Querschnitt soll nur eine leise Ahnung davon vermitteln, welche musikalischen Groß-, Mittel- und Kleinstereignisse in den letzten 15 Jahren im WUK stattgefunden haben. Weiter reichen die Aufzeichnungen nämlich nicht zurück. Was aber egal ist, denn das Mittelalter – mit einigen wenigen Ausnahmen – endete musikalisch betrachtet in Wien ohnehin erst in den späten 1980ern. Zumindest im Pop.

Das WUK hat darin immer schon mitgemischt und einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass Musikkultur in Wien nicht etwas ist, was man nur von Berichten aus fremden Ländern kennt. Zu bemängeln wäre bloß der Umstand, dass es nicht noch mehr Musikveranstaltungen im WUK gibt. Denn im Vergleich zu ähnlichen Veranstaltungsorten wie der Szene Wien oder dem atmosphärisch wenig einnehmenden Planet Music liegt der schöne Backsteinbau nicht an irgendeiner Ausfallstraße an der Wiener Peripherie, sondern quasi im Herz der Stadt.

Konzerte im Foyer

Eine Art goldene Ära erlebte das WUK in den frühen 1990ern. Noch vor dem Umbau des großen Saals bot es damals auch Konzerte im Foyer an. Das war zwar von der Abwicklung am Eingang oft ein wenig stressig. Von wegen viele musik- und anders durstige Besucher, die bereits der Bar und/oder der Band ansichtig waren, aber eben noch das Prozedere des Einlass erdulden mussten. Das WUK präsentierte im Foyer Konzerte für Quantitäten von 20 bis 300 Besucher. Also Quantitäten, die bei Konzerten, die heute allesamt im rund 800 Personen umfassenden großen Saal veranstaltet werden, oft ein vergleichsweise verlorenes Gesamtbild abgeben.

Dass das die Verantwortlichen nicht davon abschreckt, ihr Programm als Überzeugungstäter zusammenzustellen, macht das WUK ebenfalls sympathisch. So pathetisch es klingt, Qualität geht hier nach wie vor über Quantität – auch wenn das WUK als wirtschaftlicher Betrieb bestehen muss und deshalb eine volle Hütte natürlich lieber sieht als eine leere, in der der auftretende Künstler sein Publikum mit Handshake nach zehn Minuten beim Vornamen kennt.

Clubbings galore!

Für eine volle und übervolle Hütte sorgten ab 1997 vor allem auch diverse Clubbings. Etwa der damals aus der Blue Box ins WUK abgewanderte House-Club H.A.P.P.Y. mit seiner menschenfreundlichen Veranstaltungsphilosophie sorgte oftmals für Menschenschlangen bis raus auf die Währinger Straße. Ebenso der hier oft und gerne ausgetragene Wanderclub Audioroom, der eine Reihe internationaler DJ-Stars in den Tanzsaal im neunten Wiener Bezirk lud, wo diese auf einer der besten Sound- und vor allem auch Lichtanlagen der Stadt den Dancefloor am kochen hielten.

Das scheint im WUK auch nicht so schwierig zu sein, denn es besitzt Atmosphäre. Diese wird nicht nur von den Besuchern vor der Bühne wohlwollend zur Kenntnis genommen, sondern auch von den auftretenden Künstlern, die in Interviews vor Ort auch ohne Nachfrage von den Rahmenbedingungen schwärmen. Diese bedeuten neben einer professionellen Abwicklung aber auch, dass Reklamationen ernst genommen werden und etwa Kellner, die sich irrtümlich selbst als Tresengötter verstehen, beim nächsten Besuch bereits durch Abwesenheit glänzen.

Musik im WUK bedeutet aber auch das Zur-Verfügung-Stellen von Proberäumen. Wobei hier weniger der Nachwuchs gepflegt wird. Spricht man mit jungen Bands, die diesbezügliche Anfragen gestellt haben, erfährt man, dass diese kaum je positiv beantwortet werden.

Viel mehr scheint es so zu sein, als würden hier einige Gruppen auf Lebenszeit einquartiert sein. Zu einem Friedenszins. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2006)

  • King Buzzo von der US-Band Melvins bei einem WUK-Auftritt im Jahr 1994.
    foto: standard/ fischer

    King Buzzo von der US-Band Melvins bei einem WUK-Auftritt im Jahr 1994.

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