Analyse: Rice mit schwer verkäuflichem Artikel

6. Oktober 2006, 21:20
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US-Außenministerin wirbt in der Region für die amerikanische Nahostpolitik - von Gudrun Harrer

Wien - Im Moment dürfte es besonders schwer sein für die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice, die am Mittwoch von Saudi-Arabien kommend über Ägypten in Israel und den Palästinensergebieten eintraf, die arabischen Verbündeten der USA auf deren Politik einzuschwören. Die harte Linie der USA gegen den Iran zu erklären und die sunnitischen arabischen Staaten zu mehr Engagement im Irak aufzufordern, das waren zwei Aufgaben Rices - dass die Araber wenig Verständnis für die US-Haltung zur demokratisch gewählten palästinensischen Hamas haben, weiß man inzwischen in Washington zur Genüge.

Aber gerade das bekommt Rice immer wieder zu hören: dass mit der Lösung des Nahost-Konflikts die Bewältigung aller anderen Krisen steht und fällt. Wie bestellt erschien am Mittwoch auf einer halben Seite der Financial Times ein Aufruf von Persönlichkeiten aus aller Welt, den arabisch-israelischen Konflikt mit einer "umfassenden Lösung" zu beenden. Dazu gehört laut Unterzeichnern übrigens auch die "Rückgabe von verlorenem Land an Syrien".

Weniger die saudische Führung - die ja nach Ausbruch des Libanon-Kriegs mit einer Hisbollah-Kritik (auch wenn diese nicht namentlich genannt war) überraschte -, aber der Rest der Region steht außerdem noch unter den emotionalen Nachwehen der Zerstörung des Libanon. Nie war die Frustration über die US-Politik auf der arabischen Straße größer. Die arabischen Regierungen können kaum wagen, sich noch weiter von der vox populi in ihren Ländern zu entfernen.

Was den Atomstreit mit dem Iran betrifft, befinden sich die arabischen Staaten in einem unlösbaren Dilemma: Sie fürchten einen Aufstieg Irans zur Atommacht wie den Teufel, würde Teheran doch damit seine Rolle als Hegemon am Golf endgültig zementieren. Gleichzeitig müssen sie das Recht der nuklearen "have nots" auf Technologie, die sie laut Atomsperrvertrag haben dürfen, verteidigen, und vor allem auf einen atomwaffenfreien Nahen Osten und damit auf den "double standard" durch die israelische Atombewaffnung pochen.

Zum Irak versuchen die USA seit längerer Zeit besonders die reichen arabischen Golfstaaten dazu zu bringen, sich mehr zu engagieren, wirtschaftlich und politisch. Dem steht jedoch nicht nur die schlechte Sicherheitslage im Zweistromland entgegen. Die sunnitische Angst vor einem Erstarken der arabischen Schia - parallel zu den Hegemonialansprüchen des schiitischen Iran - mindert die Lust, bei der Stabilisierung der schiitisch geführten Regierung im Irak aktiv mitzuhelfen. Andererseits fürchtet man gerade bei einer weiteren Destabilisierung einen "spill over". An der kuwaitischen Grenze zum Irak wird schon des Längeren an einem Zaun gebaut, zwischen Saudi-Arabien und Irak ist ein großes Zaunprojekt in Planung. (DER STANDARD, Print, 5.10.2006)

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