Die Utopie vom g'scheiten Leben

4. Oktober 2006, 18:05
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Das WUK denkt zur Feier seines 25-jährigen Bestehens über Vergangenes nach und will zu seinen alten Idealen zurück

Eine Finanzkrise vor zwei Jahren weckte das autonome Haus aus dem Schlaf. Ein Rückblick.


Das WUK, der Verein zur Schaffung offener Kultur- und Werkstättenhäuser, ist ein Haus, das alle Stückeln spielt, vor allem hoffnungsvolle Zukunftsmusik. Die Vorbereitungen auf den 25. Geburtstag sind in Hinblick auf das, was noch kommen soll, zugleich eine Rückbesinnung auf die alten Ideen und Ideale.

Denn diese sind in den Augen kritischer Beobachter Utopien geblieben, die "WUKler" selbst wollen sie wiederbeleben. Diese Utopie wurde am 3. Oktober 1981 Realität, als Walter Hnat und ein Kollektiv aus Künstlern, Architekten und Sozialarbeitern die Schlüssel für das ehemalige Technologische Gewerbemuseum (TGM, eine Schule im Stil einer HTL) in der Wiener Währinger Straße 59 erhielten. Die Sache, für welche sich Hnat & Co einsetzten, war, einen offenen Kulturraum zu schaffen, der autonom und basisdemokratisch funktionieren sollte. Die Vorstellung, eine andere als die etablierte Kultur zu entwickeln, die "nicht mehr nur von musischer Bereicherung, sondern von sozialem Interesse getragen" wurde, ließ den Selbstverwaltungsgedanken des Hauses aufkommen. "Das 'gegenkulturelle, gegengesellschaftliche' Projekt WUK stand von Anfang an im Spannungsfeld zwischen fundamentalem, oppositionellem Protest einerseits und Integration und Anpassung andererseits", schreibt Wolfgang Gaiswinkler zum zehnjährigen Jubiläum 1991.

Der autonome Verein

In diesem alternativen Sinne wurde das WUK bereits 1979 von den kreativen Köpfen im Amerling-Haus, das man besetzt hatte, gegründet. Sie setzten sich für die Erhaltung des TGM-Gebäudes ein und forderten von Stadtpolitikern – in ebendiesem – ein autonomes Jugendhaus. Um die Mächtigen für sich zu gewinnen, die dem Projekt nach den vielen Friedensbewegungen und Hausbesetzungen in europäischen Großstädten mehr als skeptisch gegenüberstanden, musste ein offizielles Organ in Form des Vereins gefunden werden. Das Konzept war, den Verein WUK als "Schutzschild" zu gründen, um innen ungestört und selbstverwaltet agieren zu können. Neben den formalen Bedingungen wie Vereinsstatuten, in denen Generalversammlungen und Rechnungsprüfungen vorgesehen waren, hatte man darüber hinaus Selbstverwaltungsideen, die nicht in den Statuten erwähnt wurden.

Der Vorstand an sich hatte keinen großen Einfluss, die Entscheidungen traf die Basis in den so genannten Delegiertenversammlungen, die monatlich stattfanden. Auch heute ist es noch so, dass der Vorstand alle zwei Jahre von der Generalversammlung gewählt wird. Indem er die Aktivitäten kontrolliert, hat er aber mehr Einfluss. Er bestellt die Geschäftsleitung, die zwischen dem Vorstand und den drei "Säulen" Kulturbetrieb, Sozialbetrieb und soziokulturellem Zentrum steht. 130 Gruppen gibt es im WUK, die in sieben Bereichen autonom organisiert sind. Um im obersten Gremium, dem Forum, mitmischen zu können, muss in den einzelnen Bereichen monatlich ein Bereichsplenum abgehalten werden. Je ein Vertreter aus den sieben Bereichen wird in das Bereichsgremium entsendet, das beratende Funktion für den Vorstand hat und auch Anträge einbringt. Jedem der 130 wird die Infrastruktur und der "betriebliche Teil" zur Verfügung gestellt. Dieser besteht aus den Einheiten Musik, Theater, Kinderkultur, Kunsthalle Exnergasse und Verwaltung der acht Ausbildungsprojekte.

Die besetzten Besetzer

Robert Newald, Fotograf und ehemaliges Vorstandsmitglied des WUK, erinnert sich mit gemischten Gefühlen an die Zeit im WUK. "Das Lustigste war, dass die vermeintlichen Besetzer zweimal selbst besetzt wurden", erzählt er. "Vermeintlich" deswegen, weil man bei dieser "stillen Besetzung" beim Tor der ehemaligen Lokomotivenfabrik aus der Gründerzeit einfach hineinspazierte. Auch Josef Wais, ebenfalls von Beginn an im WUK und diesjähriger Vorstand, erinnert sich an den Trick: Einige Architekturstudenten aus der Amerling-Haus-Gruppe hatten sich für ein "Studiumsprojekt" den Schlüssel ausgeborgt, und "dann ist es rasch gegangen", erzählt er. Zum ersten Mal quartierten sich 1983 die Besetzer aus der Gassergasse (die GAGA-Leute) im WUK ein, weswegen dieses vorübergehend schließen musste. 1984 begann der "Wiederaufbau". Das Seniorenzentrum wurde gegründet, die alternative Hauptschule Tempelgasse übersiedelte in das Backsteinhaus. 1988/1989 wurde das WUK schließlich zum zweiten Mal besetzt, diesmal von den obdachlosen Bewohnern der Ägidigasse. In den "Annalen" spricht man von "aggressiver Katastrophenstimmung" und "mehreren Polizeieinsätzen", bis dann am 5. April das "Ende der Gastfeindschaft" eintrat.

Die Ziele der Hausbesetzer unterschieden sich von denen der WUKler. Während sich die einen als Sozialarbeiter verstanden, setzten die anderen auf Gruppenarbeit. Das Motto der Hausbesetzer sei immer gewesen: "Gemeinsam leben, gemeinsam arbeiten", erzählt Newald. Im WUK habe man zwar gemeinsam gearbeitet, aber nicht gemeinsam gelebt. Das WUK war ein Musterbeispiel eines autonomen Kulturzentrums, sagt Newald. Sogar aus der DDR kamen Menschen angereist, um es zu bestaunen. Und auch sonst war das Haus "mit den Ausländerfesten und Flüchtlingsfesten" Vorreiter. Womit das WUK zu kämpfen hatte, waren die Gruppen, die ihre Räume nicht verlassen wollten. Der Zweck der Ateliers, Werkstätten und Räume war es, jenen eine Chance zur künstlerischen Entfaltung zu bieten, die sonst keine Möglichkeit hatten. "Aber einige, die mit der Zeit erfolgreich wurden, blieben drin", ist Newald noch heute verärgert.

Die stillen 90er

In den 1990er-Jahren fiel das WUK, so schien es, in einen Dornröschenschlaf. Das Haus hatte sich in der Öffentlichkeit als alternativer Veranstalter, sei es von Musik-, Tanz- und Theaterveranstaltungen oder von schulischem Angebot, etabliert und verfiel wohl der Routine. "Es stagnierte vor sich hin", formuliert es Robert Newald scharf. Auch Helga Smerhovsky, langjährige Mitarbeiterin und zum Schluss Generalsekretärin (Geschäftsführerin), und Josef Wais bleiben in Bezug auf Ereignisse in den 90ern eine Antwort schuldig. Es habe keinen Prozess gegeben, der das Geschehene reflektiert und so Perspektiven für die Zukunft entwickelt hätte, bedauert Wais, der auch die Fotogalerie Wien gegründet hat. "Es war ein satter Stillstand."

2004 kam symbolisch gesprochen nicht der Prinz, sondern die Feuerwehr, um die WUK-Prinzessin wachzuküssen. Der damalige Vorstand hatte ein "finanzielles Desaster" verursacht, erzählt Wais. Dadurch sei man aber enger zusammengerückt, sieht es Josefine Liebe, Kinderbetreuerin und ebenfalls im WUK-Vorstand, positiv. Sie hat sich zur Aufgabe erklärt, das WUK wieder politisch, gesellschaftlich und sozial aktiver zu machen. Denn "das WUK wird nicht als Ganzes wahrgenommen", sagt sie und verweist auf wenige Gruppen wie etwa Asyl in Not, die viel leisteten, draußen aber nicht als Teil des WUK gesehen werden. Von einer besseren Vernetzung spricht auch Wais. "Wir haben ein Leitbild, das nach wie vor gültig ist, eine richtige linksalternative Utopie", umreißt Wais die 25 Jahre WUK. Diese Utopie wolle man wiederbeleben. Seit einiger Zeit werden Treffen abgehalten, um eine "kritische Debatte über das Vergangene" zu führen. "Über den Backsteintellerrand hinausschauen", lautet einer der markanten Sprüche, die man aus einem Treffen exzerpiert und auf die Wand des Mittelhauses geklebt hat. Wais: "Wir müssen aus dem Leitbild das real Machbare destillieren, sonst bleiben es Phantasmen." (Marijana Miljkovic / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.10.2006)

  • Die ehemalige Lokomotivenfabrik in der Währinger Straße ist seit dem 3. Oktober 1981 das WUK.
    foto: wuk

    Die ehemalige Lokomotivenfabrik in der Währinger Straße ist seit dem 3. Oktober 1981 das WUK.

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