Auf Coltranes Schultern

19. Jänner 2007, 18:01
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Neues von Saxophonist Branford Marsalis auf "Braggtown"

Er ist einer aus dem Marsalis-Clan, aber nicht so dogmatisch wie Bruder und Trompeter Wynton. Branford Marsalis kam in ziemlich zartem Alter in die Band von Art Blakey, die Jazz Messengers. Seine Sopransaxophonsoli verzierten Sting-Songs, Sony brachte seine CDs weltweit heraus, machte ihn gar zum Berater, der Freejazzer aus der Versenkung holte. Zwischendurch war Branford gar auch Musikkopf jener Band, die bei Jay Lenos Tonight Show die Gags umrahmte.

Doch der flexible Könner - im Gegensatz zu Bruder Wynton nicht der Meinung, dass Popkontakte Jazzsünden sind - hat sich gewandelt. Bei Sony ist er nicht mehr, er hat mit Marsalis Music sein Label gegründet. Warum? In Marsalis brodelt ein uraltes, mittlerweile durch hart gewordene CD-Bedingungen bei Jazzern zum Trend ausgeufertes Unbehagen. Marsalis meint, dass Künstler, die wirklich Musiker sein wollen, sehr wenige Möglichkeiten zu veröffentlichen hätten. Die Firmen seien an Marketingkonzepten interessiert. Und das habe sich in den Köpfen vieler Musiker festgesetzt.

Sie rufen ihn an und sagen: „Ich habe hier eine All-Star-Band, der und der spielt mit.“ Oder sie fragen ihn überhaupt, was sie aufnehmen sollen. Solche Leute brauche er nicht, so Branford. „Ich sage dann: ,Du musst wissen, was du machen willst, nicht ich! Ruf mich an, wenn du soweit bist.'"

Ironischerweise hat sein Label, weil es seine Künstler weltweit promoten will, mit dem Multi Universal einen Vertriebsdeal abgeschlossen - für ihn kein Widerspruch: "Strategische Hilfe ist erwünscht, inhaltliche nicht. Ich sage den Musikern nicht, was sie spielen sollen. Also soll das auch Universal nicht tun."

Nun war er selbst wieder im Studio. Seine Neuheit „Braggtown“ mit Quartett eingespielt, lebt von Vorbild John Coltrane, dem Marsalis in puncto Power allerdings durchaus gewachsen ist. Dazu mixt er etwas Hardbop und einige etwas zu weiche Balladen, in denen er sehr sanft improvisiert. Sogar eine etwas brave Version von Henry Purcells „Solitude“ ist zu belauschen, also ein Ausflug ins Barocke. In Summe eine tadellose Leistung. Marsalis ist ein Könner, und das hört man hier. (Ljubisa Tosic)

"Braggtown" --> Anhören und bestellen
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