Eine politische Waffe namens Erinnerung

4. Oktober 2006, 16:32
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Jorge Semprun im Interview

Jorge Semprún wurde für sein Gesamtwerk, in dem es um die NS-Zeit, die Franco-Diktatur und den Kommunismus geht, am Donnerstag in Wien vom Karl-Renner-Institut und der SPÖ mit dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet. Mit dem weltbekannten Autor sprach Erhard Stackl.


STANDARD: Zum 60. Jahrestag der Befreiung von Mauthausen hat Spaniens Premier Rodríguez Zapatero, wie viele Politiker, hier in Österreich vom "Nie wieder" gesprochen. Sie haben dagegen einmal gesagt, dass Sie dem "Nie wieder" nicht trauen. Halten Sie eine Wiederkehr der Schrecknisse der Nazizeit für möglich?

Semprún: Dass es keine Art Nazimachtergreifung geben wird, das kann man sagen. Aber nie wieder? Es gibt da einen wichtigen slowenisch-italienischen Maler - Zoran Music -, der in Dachau inhaftiert war. Er hat dort Zeichnungen gemacht und sie in der Bibliothek versteckt, hinter 100 Exemplaren von "Mein Kampf". Weil natürlich kein Häftling "Mein Kampf" lesen wollte, waren sie dort sicher. Viel später hat er in Paris die Zeichnungen zu Ölbildern ausgearbeitet, der Titel der Ausstellung war "Nous ne sommes pas les dernières - Wir sind nicht die Letzten". Er dachte an Bosnien. Natürlich waren die ethnischen Säuberungen der Serben etwas anderes, hatten aber mit der Vergangenheit zu tun. Doch eine Nazimachtergreifung kann nicht wieder passieren. Europa ist dagegen erschaffen worden und kann das vermeiden.

STANDARD: Worin liegt für Sie die Bedeutung der Erinnerung?

Semprún: Wenn man weiß, warum und wie und wo das geschah, hat man heute eine politische Waffe dagegen. In Frankreich zum Beispiel, wenn man da die Reden von Le Pen hört und man die Reden Hitlers oder von französischen Faschisten der Vichy-Zeit kennt, ist das nicht neu, ist das genau dasselbe.

STANDARD: In Spanien hat man sich mit der Franco-Diktatur lange nicht befasst.

Semprún: Eine Zeit des Vergessens war nötig, um zum Bürgerkrieg Distanz zu bekommen. Er spaltete die Familien: Der war mit den Franquisten, der mit den Republikanern. Für mich war die Zeit des Vergessens zu lange. Jetzt ist es nicht mehr gefährlich für die Demokratie, jetzt kann man über alles sprechen.

STANDARD: Ihr Roman "Zwanzig Jahre und ein Tag" war 2003 einer der ersten über Folgen des Bürgerkriegs.

Semprún: In Spanien sind im selben Jahr ziemlich viele Bücher dazu erschienen, etwa Javier Cercas "Soldados de Salamina" (auf Deutsch als "Soldaten von Salamis" publiziert). Spontan und nicht geplant haben wir den Bürgerkrieg und die Folgen literarisch verarbeitet. Das ist ein Zeichen, dass im heutigen Spanien dieses Gedächtnis nötig ist.

STANDARD: In Ihrem Buch zeigen, Mitte der 50er-Jahre, einstige Gegner des Bürgerkriegs (1936-1939) Verständnis für die Motive des anderen.

Semprún: Meine Geschichte läuft bis in das Jahr 1956, weil damals in Spanien eine neue Generation von Arbeitern, Studenten und Politikern erschien. Manche der bei Studentendemonstrationen Verhafteten kamen aus "guten Familien" des Franquisten-Regimes. Im ersten Manifest der Studenten hieß es "Nosotros, hijos de los vencedores y de los vencidos - Wir, die Söhne der Sieger und der Besiegten".

STANDARD: Diese Woche hat Spaniens Parlament erstmals beschlossen, mit der baskischen Terrorgruppe Eta zu verhandeln, wenn diese die Waffen niederlegt.

Semprún: Mit der Eta haben alle Regierungen der Demokratie verhandelt, aber bis jetzt war alles geheim. Weil die Demokratie nun stark genug ist, werden die Abgeordneten zum ersten Mal über die Verhandlungen - falls sie stattfinden - informiert werden.

STANDARD: Sie - ein in Paris lebender Spanier, der das KZ Buchenwald erleiden musste und dennoch der deutschen Kultur nahe steht - bezeichnen sich als Europäer. Warum ist diese Haltung so selten?

Semprún: Die jungen Leute erleben Europa in der Praxis, mit Reisen ohne Geldwechseln, mit EU-Studienprogrammen. Was es noch nicht genug gibt, ist eine europäische kulturelle und politische Vision. Das ist die Schuld der politischen Klasse. Nehmen Sie die Diskussion um die EU-Verfassung in Frankreich. Die Mehrheit der Neinsager auf der Linken ist nicht gegen Europa. Aber aus innenpolitischen Gründen scheint es ihnen heute wichtiger zu sein, Nein zu Chirac zu sagen.

STANDARD: Auf der Linken sind viele gegen Neoliberalismus und Globalisierung, die sie in der EU verkörpert sehen.

Semprún: Ein Problem der Linken und der Alternativen ist es, dass es da noch so archaische leninistische Positionen gegen den Markt gibt. Denen sage ich: Im 20. Jahrhundert haben wir die Erfahrung der Revolution der Bolschewiki gemacht, die wie keine andere danach gegen die Marktwirtschaft kämpfte. Und was war die Konsequenz? Ich habe kürzlich in Frankreich ein 1957 in Ostberlin erschienenes Buch gegen das "Märchen von der Sozialen Marktwirtschaft" hergezeigt. Es gibt heute kein Argument dagegen, das nicht dort schon drin war. Die Linke muss über die Marktökonomie noch weiterdiskutieren. Spaniens Sozialdemokratie hatte die Erfahrung des Franquismus, der ökonomisch ein Staatskapitalismus war. Da musste die Linke "liberalisieren". Als ich spanischer Kulturminister wurde, habe ich entdeckt, dass ich Produzent der ganzen Filmindustrie war - alles wurde mit dem Geld des Staates produziert, zum Teil Filme, die nie in den Kinos gezeigt wurden. Das war natürlich unmöglich, wir mussten der Filmindustrie etwas Markt einflössen.

STANDARD: Der Markt könnte die Kultur zerstören . . .

Semprún: Wenn Picasso in einer Minute etwas auf Papier gezeichnet hat - wer hat eine Erklärung dafür, warum diese Zeichnung so viele tausend Euro kostet? In der Kultur ist der Wert nicht die im Werk steckende Arbeit. Wenn Leute wie José Bové (der französische Bauernaktivist) sagen "die Welt ist keine Ware", bleibe ich bei Marx, beim ersten Satz des "Kapitals": Der Reichtum der Welt ist eine Akkumulation von Waren. "Die Welt ist keine Ware", das ist eine leere Parole - and so what?
(DER STANDARD, Printausgabe, 20. Mai 2005 )

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