Die Flussbewohner

17. Oktober 2006, 15:45
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Nikolaus Geyrhalters Debüt „Angeschwemmt“

Nach Angeschwemmt führten die Reisen in den Filmen des Dokumentaristen Nikolaus Geyrhalter in immer entlegenere Regionen. Das Jahr nach Dayton erstellt in der bosnisch- kroatischen Föderation und in Serbien eine Momentaufnahme des Lebens nach dem Krieg, in Pripyat werden Landschaft und Menschen rund um das ukrainische Atomkraftwerk Tschernobyl zwölf Jahre nach dem Unglück wieder aufgesucht. Elsewhere kennzeichnet schließlich eine globale Bewegung, mit Ansichten aus Ländern wie Namibia, Grönland oder Australien.

 

Angeschwemmt, Geyrhalters Debüt, sucht dagegen einen Ort nicht weit der österreichischen Hauptstadt auf. Die Ufer der Donau und ihre Bewohner stehen im Mittelpunkt des Films, aber schon hier gewinnt man den Eindruck, an einen fremden Ort zu reisen.

Das liegt zum einen an der Auswahl der Protagonisten, die dem Landstrich ein facettenreiches Gesicht verleihen: So findet sich darin ein rumänisches Ehepaar, das seit geraumer Zeit einen Frachter bewohnt, es gibt einen buddhistischen Tempel und den dazugehörigen Mönch, daneben Soldaten, die wie eine Besatzungsmacht durchs Bild marschieren, und einen maulenden Fischer. Selbst Josef Fuchs, der Wärter des Alberner Friedhofs der Namenlosen, des prominentesten Schauplatzes des Films, erscheint wie ein Mensch aus einer längst vergangenen Zeit. Er weiß von vielen zu erzählen, die er aus dem Fluss gefischt, gewaschen und dann begraben hat. Sein Gleichmut gleicht dem des Flusses.

Wesentlicher aber noch für die spezifische Atmosphäre einer melancholischen Entrücktheit erscheint die Art und Weise, wie in Angeschwemmt Landschaft und Menschen im schön ausbalancierten Rhythmus von langen, ruhigen Einstellungen und Travellings eine harmonische Einheit bilden – die Montage besorgte wie in den darauf folgenden Arbeiten Geyrhalters Wolfgang Widerhofer. Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen geben den Dunst und Nebel der Donaulandschaft besonders treffend wieder. Die Feuchtigkeit sickert förmlich in die Bilder ein.

Jeder Schauplatz – von der verästelten Auenlandschaft über Kleingärten bis zu besagtem Friedhof und Tempel – wird an einen Protagonisten gebunden, der oft auch selbst die Aufgabe übernimmt, sein „Revier“ den Gästen mit der Kamera zu präsentieren. Geyrhalter behält auf diese Weise einen unaufdringlichen Gestus bei, dessen Lohn das Vertrauen seiner Figuren ist.

Das zeigt sich auch in den Gesprächen, in denen alle auf ihre besondere Affinität zum Fluss zu sprechen kommen. Sie wurden angeschwemmt, sind geblieben und betrachten bevorstehende Änderungen – wie die Umwidmung der Au zu einem Nationalpark – als Bedrohung. Früher war auch hier alles ein wenig besser. So unterschiedlich die Menschen sind, der Fluss eint sie zu einer imaginären Gemeinschaft.

Dominik Kamalzadeh, Filmkritiker und Kulturjournalist ( der Standard), Redakteur von „kolik.film“

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