Vom einfachen Vergnügen

15. Oktober 2006, 21:16
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Michael Glawogger über „Nacktschnecken“

Wie macht man ein einfaches Vergnügen kompliziert? Zum Beispiel, indem man sich – nach dem Reglement eines beliebten Gesellschaftsspiels – erst eine Mütze und eine Skibrille aufsetzt, dicke Handschuhe anzieht und dann noch zu Messer und Gabel greift, wenn man Schokolade essen will.

 

Was gleich zu Beginn von Nacktschnecken fürs Schokoladeessen gilt, lässt sich auch auf andere Genüsse übertragen: Und so ergreifen zwei in finanzieller wie sexueller Hinsicht unbefriedigte Grazer Studenten, deren Ideen für grenzgeniale Werbespots ebenso wenig zünden wie die Aufrissversuche in der Disco, eine vordergründige Gelegenheit, das Angenehme mit dem Einträglichen zu verbinden und einen Pornofilm zu drehen.

„Einschalten, draufhalten“ heißt das Motto. Die Rahmenhandlung: Man nehme ein paar Intellektuelle, die „treffen sich, reden g’scheit und pudern“. Es darf gelacht werden.

Nacktschnecken von Michael Glawogger ( Megacities) ist also eine Ausnahmeerscheinung im gegenwärtigen heimischen (Spiel-)Filmschaffen: Eine „angenehm leichtgewichtige“ Komödie, die ihre Vorbilder, so der Regisseur im Gespräch mit dem Standard, eher im US-Independent-Kino sieht und ihren eigenwilligen Humor aus der Handlung, aus einem spezifischen – im heimischen Kino weit gehend nicht vorhandenen – Milieu und Lebensgefühl heraus entwickelt.

Eine Mischung aus „Quasselfilm“ (Glawogger) und Slapstick: „Lachen als Befreiung funktioniert meist über haptischen Humor: etwas angreifen, etwas fallen lassen, wo drüberstolpern. Deshalb haben wir uns zunehmend getraut, auch albern zu sein und auch einmal jemanden gegen eine Glastür rennen zu lassen.“ Voll daneben also, und damit gerade richtig in Sachen beherzter Dilettantismus, schönste Peinlichkeit und mit viel Sinn für komische Größe in der herrlichsten Armseligkeit.

Vor allem die Herren exponieren sich ohne Rücksicht auf Verluste, um endlich mit der Playboy-Ästhetik aufzuräumen, nach der „eine nackte Frau einfach schöner ist als ein Mann“. Schließlich wohnt dem Unernst auch ein wenig ernste Weltsicht inne: „Die Spaßkultur behauptet immer noch, es gibt was umsonst. Das ist alles eine große, bunte Lüge. Im Endeffekt wird doch auch bei ‚Starmania‘ bloß das Scheitern vermarktet.

Es geht nicht um jemanden, der wirklich Popstar wird, sondern darum, was aus all den Losern nicht geworden ist.“ Was wünschenswerte Folgeerscheinungen von Nacktschnecken betrifft, so sieht Glawogger den bisherigen Mangel an vergleichbaren Filmen eher pragmatisch: „Wenn es gewisse Filme in Österreich nicht gibt, dann ist das nicht von oben verhindert, sondern es ist das kreative Bedürfnis noch nicht da. Mit dem viel geschmähten Kabarettfilm ist es immerhin so, dass man sehr genau weiß, wo der hingeht, wie der funktioniert. Das ist nicht aus dem Ärmel geschüttelt, der hat sich das erarbeitet.“ Isabella Reicher

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