Der Knecht hat recht

13. Oktober 2006, 20:35
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Eine Parabel vom Ende der Lohnarbeit...

Das Mühlviertel ist eine schöne Gegend. Nicht ganz so schön wie die Gegenden, die der Heimatfilm besonders schön fand: Die Hügel sind zu niedrig, die Wilderer könnten sich hier nur in die Büsche schlagen, nicht in die Berge. Die Landschaft ist idyllisch, die Menschen sind es nicht. Wenn ein Bauer stirbt, dann wird um sein Gut gestritten. Je größer der Bauer, desto stärker meldet er seinen Anspruch an auf den Grund des Nachbarn.

 

Bis eines Tages das Außerordentliche geschieht: Ein Bauer, ein rechter Menschenfeind, hat ein galliges Testament hinterlassen. Der Pfarrer bekommt Spott, die Nachbarn den Hohn. Die zehn Knechte bekommen den Hof. Damit beginnt Die Siebtelbauern von Stefan Ruzowitzky (Foto).

Für den Titel ist der Großknecht verantwortlich, er möchte den Hof an den Großbauern verkaufen und dann weiterdienen, leibeigen, aber ohne Lohnsteuerpflicht. Sieben bleiben aber über. Zwar sitzen sie zuerst in der Stube und ziehen erst einmal den Rotz hinauf, weil ihnen noch nicht ganz klar ist, wie ihnen geschieht. Aber dann entscheiden sie sich: Der Knecht wird Herr, die Magd wird Bäuerin, in der Kirche sitzen sie von nun an weiter vorn. Sie müssen nur zuerst den Großknecht ausbezahlen.

Ruzowitzky läßt seine Geschichte in einer ungefähren Zeit spielen. Es ist die Zeit, in der die Regeln des Heimatfilms noch gegolten haben: Mann kriegt Frau, der Pfarrer gibt den Segen. Diese Regeln gelten hier von Beginn an nicht: Die Schauspieler sprechen nicht nur Hochdeutsch, sie sprechen ein Theaterdeutsch. Sophie Rois, Lars Rudolph, Simon Schwarz bekommen es mit Ulrich Wildgruber zu tun. Das Leben ist kein Kirschgarten, wenn der Dorfrichter vor der Tür steht.Dahilft es,wennmansich deutlich artikuliert.

Auch sonst unternimmt Ruzowitzky viel,umdie Künstlichkeit seines Unternehmens zu betonen: eine komplexe Tonspur, Klaviermusik von Erik Satie, die sich an wichtigen Stellen in recht freien Jazz auflöst. Die Landschaft leuchtet wie in einem Werbespot, eines schönen Tages taucht ein Elefant aus dem Morgendunst auf. Aber fast alle Effekte sind mit großer Sicherheit gesetzt, und Die Siebtelbauern mögen eine leicht surreale Angelegenheit sein, ebensosehr sind sie eine genaue Beobachtung des Prozesses, den man früher Emanzipation genannt hat. Am eigenen Schopf ziehen sich die Fronarbeiter aus der nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit heraus. (reb, Auszüge aus einer Rezension, die am 5. 6. 1998 im Standard erschienen ist)

ZUM REGISSEUR: Stefan Ruzowitzky, geboren 1961, brachte nach ersten Schaffensjahren im ORF 1996 seinen ersten Spielfilm „Tempo“ ins Kino. 1998 avancierten „Die Siebtelbauern“ zu einem Überraschungshit, auch auf internationalen Festivals. Mit „Anatomie“ (2000) wagte sich Ruzowitzky erfolgreich ins damals im deutschen Sprachraum noch scheel betrachtete Horrorgenre. Es folgten „Die Männer ihrer Majestät“ (2001) und „Anatomie 2“ (2003).

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