Individualität von der Stange

31. Jänner 2007, 14:08
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Bei Fertighäusern lautet das Motto der Stunde: Billig war gestern, es lebe der singuläre Kundenwunsch

Nahezu jedes dritte Haus in Österreich entsteht in Fertigbauweise, Tendenz: steigend. Doch den Makel der seriellen Geschmacksverirrung ist man bis heute nicht losgeworden. Das neue Motto der Stunde lautet daher: Billig war gestern, es lebe der singuläre Kundenwunsch.

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Das Vorfabrizieren von Bauelementen hat durchaus Tradition. Manche sehen seine Wurzeln im Fachwerkhaus des 12. Jahrhunderts, historisch belegt ist die Idee jedoch erst 300 Jahre später. Um auf der Baustelle nicht langwierig mit dem Rohmaterial hantieren zu müssen, wurde damals ein transportables Holzelementhaus entwickelt. Der Verfasser ist kein geringerer als Leonardo da Vinci.

Heute, ein halbes Jahrtausend später, birgt die obligatorische Stippvisite in der Blauen Lagune zweifelsohne Traditionelles. Einzig die baugeschichtliche Relevanz drängt sich dabei nicht sonderlich auf. Ja, man hat es im größten Musterhauspark von ganz Europa nicht einmal der Mühe wert gefunden, dem großen Meister ein Fertighausmodell zu widmen - weit und breit kein "Leonardo", auch keine Spur von "da Vinci". Stattdessen glänzen in der Herbstsonne Typenbezeichnungen wie "Chalet Variant", "Toscana Duo" oder "Lebensvision 142" und buhlen mit offenen Türen und prächtig geschulten Gastgebern, die nur eines im Sinn haben, um ein paar Minuten Probewohnen.

Nicht viel länger, und schon hat man sich en passant einen Überblick über den derzeitigen Branchentrend verschafft. "Machbar ist alles", ruft es von den einheitlich geneigten Satteldächern. Selbst wenn der Anblick von über achtzig Musterhaus-Klischees von gewissen Gemeinsamkeiten zeugt, bekundet doch jeder Verkäufer aufs Neue, dass man hinter den Märchenfassaden ehrlich um Individualität bemüht ist.

Jedes Haus ein Unikat?

"Es gibt bei uns keinen Standard, der in irgendeiner Halle lagert", stellt etwa Thomas Zimolka, Kundenberater des Marktführers Elk klar, "die Fertigteile werden erst für den jeweiligen Kunden produziert." Maßgeblich sei dabei der Keller, für den der zukünftige Hausbesitzer im Rahmen der meisten Angebote übrigens selbst zu sorgen hat. Zimolka: "Ist dieser zu klein geraten, können wir aber immer noch reagieren."

Die eine oder andere Maßkorrektur in Ehren, Tatsache aber ist, dass jedes dritte Fertighaus genau so gekauft wird, wie es in einem der Musterhauszentren ausgestellt ist. Schließlich haben diese so genannten Typenhäuser auch nur einen geringen Spielrahmen: hier ein bisschen schrumpfen da ein wenig aufblasen, bestenfalls eine andere Farbe. Das Modell "Virginia" minus eines Erkers plus zweier Fenster wirkt neben seinem ursprünglichen Katalogbild bestenfalls wie ein Suchbild mit zwei Fehlern.

Für all jene, die auf den Hochglanzseiten oder im Wunderland der Blauen Lagune nicht auf Anhieb fündig werden, bieten sich etwas flexiblere Modelle an, die beispielsweise auf einem modularen Rastersystem basieren. Dieses ermöglicht umfassende Änderungen bei den Außenabmessungen oder bei der Dachform und stellt sich auch beim Grundriss-Tüfteln als durchaus vielfältig heraus: Zwei Rasterfelder fürs Kochen oder doch lieber drei fürs Wohnen? Immerhin macht dieses Modulsystems ein Drittel des Fertigteil-Marktes aus.

Individuelle Planung

Das letzte Drittel der österreichischen Fertighäuser - jährlich werden mehr als 5600 Stück verkauft - machen mittlerweile individuell geplante Produkte aus. Auch sie profitieren von der Vormontage im Werk, sind jedoch hauptsächlich Resultate unverwechselbarer Entwurfsarbeit. Der Haken an der Sache: Die entsprechenden Anbieter sind inmitten des Häusermeers nur schwer auszumachen. Sylwia Romanowska, Architektin und Ansprechpartnerin der Schachnerhaus GmbH, kennt den Grund genau: "Obwohl wir jedes einzelne Haus individuell planen, bieten auch wir Musterhäuser an, um dem Kunden den Preisvergleich für die Ausbaustufen zu veranschaulichen." Denn ohne die nöti- ge Preistransparenz sei man im stürmischen Konkurrenzkampf der Blauen Lagune bald einmal weg vom Fenster.

Rohbau, belagsfertig oder schlüsselfertig - der Besucher will wissen, was er für sein Geld bekommt. Hier geht es weder um Raster auf dem Papier noch um Module im Kopf, sondern ausschließlich um die höchst seltene Generalunion aus Verkäufer und Entwurfsprofi. Die Vorteile liegen für Romanowska auf der Hand: "Auch nach Vertragsabschluss und auf der Baustelle ist immer eine Ansprechperson zur Stelle, die das Projekt bis ins kleinste Detail kennt und auf jeden Vorfall prompt reagieren kann." (Christoph Warnke, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.9./1.10.2006)

  • Für all jene, die im Wunderland der Blauen Lagune nicht auf Anhieb fündig werden, bieten sich flexiblere Modelle an, die beispielsweise auf einem modularen Rastersystem basieren.
    foto: blaue lagune

    Für all jene, die im Wunderland der Blauen Lagune nicht auf Anhieb fündig werden, bieten sich flexiblere Modelle an, die beispielsweise auf einem modularen Rastersystem basieren.

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