Börse-Chefs haben keine Angst vor Privatisierungsstopp

23. November 2006, 19:51
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Die Wiener Börse fordert von einer neuen Bundesregierung eine Förderung des österreichischen Kapitalmarkts

Wien - Die Wiener Börse fordert von einer neuen Bundesregierung eine Förderung des österreichischen Kapitalmarkts. Die Börse-Chefs Michael Buhl und Heinrich Schaller hoffen auf weitere Privatisierungen über die Wiener Börse, vorstellbar seien Energieversorger oder Flughäfen in Landesbesitz, die Frachttochter der ÖBB sowie weitere Teilprivatisierungen bei OMV und Verbund, sagte Schaller am Mittwoch im Wiener Klub der Wirtschaftspublizisten. Er mache sich "keine großen Sorgen, dass der Privatisierungszug zum Stillstand kommt".

Weitere Forderungen: Das Zukunftsvorsorgeprodukt sei um Varianten mit Einmalerlag bzw. ohne Kapitalgarantie zu ergänzen, die Mitarbeiterbeteiligung sollte ausgebaut werden, durch eine Verdopplung des Freibetrags von 1.460 auf 3.000 Euro und eine Verkürzung der Behaltefrist von fünf auf drei Jahre. Unternehmen sollen durch eine Abschaffung der einprozentigen Gesellschaftssteuer und eine steuerliche Gleichbehandlung von Eigen- und Fremdkapital zum Börsegang ermuntert werden.

Keine schlechten Aussichten

Die Aussichten, dass eine neue Regierung diese Maßnahmen umsetze, sind laut Schaller "nicht so schlecht": Denn bei der wahrscheinlichsten Regierungsform, einer großen Koalition, müssten beide Partner Kompromisse eingehen. Eine - von der SPÖ im Wahlkampf angekündigte - Rücknahme der Gruppenbesteuerung sollte noch einmal überlegt werden. Denn dadurch hätten Unternehmen den Anreiz, ausländische Töchter nach Österreich und hier an die Börse zu bringen. Aussagen im Wahlkampf seien nicht überzubewerten, meinen Buhl und Schaller. Auch im Parteiprogramm der SPÖ sei von Mitarbeiterbeteiligung die Rede.

Mit ihrer eigenen Entwicklung ist die Wiener Börse zufrieden: Die Marktkapitalisierung sei auf 126,4 (2005: 107) Mrd. Euro gestiegen, der durchschnittliche Monatsumsatz betrage mit 10,4 Mrd. Euro das Siebenfache des Werts von 2001. Die Kapitalzuflüsse erreichten heuer mit bisher 10,1 Mrd. Euro einen neuen Rekordwert. Mit 8,8 Mrd. Euro stammt der Löwenanteil davon aus Kapitalerhöhungen, auf Börsegänge (IPO - Initial Public Offering) entfallen bisher lediglich 1,3 Mrd. Euro. Der Leitindex ATX sei seit Ende 2000 um 260 Prozent gestiegen, damit liege man "international im Spitzenfeld".

Internationaler Durchschnitt

Der Börsewert aller heimischen Unternehmen liege mit mittlerweile 43,7 Prozent des BIP durchaus im internationalen Durchschnitt. Zum Vergleich: Deutschland erreicht in dieser Wertung 46,1 Prozent, London 146 Prozent.

Handlungsbedarf sehen die Börse-Chefs noch beim Stellenwert des "Aktiensparens", wo Österreich mit 17 Prozent Anteil hinter dem EU-Durchschnitt von 32 Prozent hinterherhinkt. Ein "starkes Ungleichgewicht" sieht Schaller auch im Anlageverhalten privater heimischer Haushalte, die 49 Prozent ihres Geldvermögens in Sparbücher anlegen, aber nur 6 Prozent in börsenotierte Aktien.

Österreichische Investmentfonds sollten verstärkt in heimische Aktien investieren, fordern die Börse-Chefs, dieser Anteil sei noch unterrepräsentiert. Das Argument zu geringer Liquidität sei widerlegt, der noch geringen Nachfrage von Kundenseite will man mit Marketing- und Informationsmaßnahmen an Schulen und Universitäten beikommen.

Heuer erwarten die Börse-Chefs noch drei Neuzugänge an der Wiener Börse. Namen wurden nicht genannt, als Kandidaten gelten Bene und die CA Immo International, in der das Osteuropageschäft der börsenotierten CA Immobilien Anlagen AG gebündelt ist. Für 2007 gebe es bereits IPO-Kandidaten.

Aktuelle Geschäftsgebarung

Zugeknöpft gaben sich Schaller und Buhl zur aktuellen Geschäftsgebarung der Wiener Börse AG (WBAG) im laufenden Jahr. Man sei besser unterwegs als 2005, hieß es nur. Damals lag das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EBT) bei 19,0 (2004: 8,1) Mio. Euro, der Jahresüberschuss bei 14,9 (6,2) Mio. Euro. Ein einstelliger Millionenbetrag stamme aus der Berechnung von mittlerweile 16 Börseindizes. Pläne für eine Börsenotiz der Börse selbst gebe es nicht, die bestehende Eigentümerstruktur - Banken und Emittenten teilen sich die Anteile - sei "sehr gedeihlich". (APA)

  • Die Vorstandsdirektoren der Wiener Börse Michael Buhl (l.) und Heinrich Schaller (r.).

    Die Vorstandsdirektoren der Wiener Börse Michael Buhl (l.) und Heinrich Schaller (r.).

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