Herr Spry und Herr Karl

11. Oktober 2006, 14:43
99 Postings

Der neue ÖFB-Fitness­trainer lässt die Kicker tanzen - Mit "überrasch­enden Bewegungen", mental gestärkt und ohne Raunzerei soll Österreich gegen Liechtenstein bestehen

Schruns - Er sagt "slowly", "Quality", "stretch", "watch" und "fine". Roger Thomas Spry, ein 55-jähriger Engländer, den es ausgerechnet nach Schruns und auch nach Tschagguns verschlagen hat (sind quasi nur durch eine Straße getrennt), ist restlos begeistert. Über die österreichische Nationalmannschaft in der Sportart Fußball. Wenigstens einer, könnten Witzbolde meinen, aber lustig ist das natürlich nicht. Weil man ja den Zuschlag für die EURO 2008 bekommen hat. Und weil man bereits am Freitag in Vaduz das routinierte Liechtenstein vor sich hat.

Spry gilt als Fitnessguru. Der ÖFB hat ihn deshalb verpflichtet, in der Not schaut der Verband sich eben um, da kann und darf es nicht um Geld geben. So ein Training mit Spry ist gewöhnungsbedürftig. Da spielt die Musik (vom Band, keine Live-Kapelle), die Elitekicker liefern quasi Balletteinlagen (Schuhplattler) ab. Ivanschitz tanzte zum Beispiel mit Roland Linz, Torhüter Jürgen Macho mit Torhüter Helge Payer, was ein bisserl komisch ausgesehen hat, denn Macho ist ziemlich hoch gewachsen. Stürmer Marc Janko findet das "sehr interessant. Alles, was neu ist, kann einen weiterbringen. Die neuen Bewegungen könnten bei mir Geschmeidigkeit bewirken." Vorerst führte das Training zum Muskelkater an bisher unentdeckten Stellen (nicht nur bei Janko), der soll aber bis Freitag kollektiv weg sein, sonst wäre Spry ja kein Guru.

Der Engländer ist jedenfalls begeistert. "Die Spieler, das Umfeld sind professionell, diszipliniert, freundlich. Fußball ist überall gleich. Ein Resultat kann vieles ändern. Es ist eine Ehre, hier zu sein."

Nur ein Muskel

Für Spry ist der gesamte Körper (Hirn inklusive) ein einziger Muskel. Er ist Fan der brasilianischen Musik und des brasilianischen Fußballs. "Der Rhythmus ist wichtig. Du musst Bewegungen einstudieren, die dich und den Gegner überraschen. Es ist ein Spiel, das Spaß machen muss. Dann stellt sich der Erfolg ein." In den nächsten Wochen wird er daheim in Birmingham für jeden Einzelnen ein individuelles Programm erstellen. "Jeder Mensch ist völlig anders. Ob er es annimmt, kann ich natürlich nicht garantieren und kontrollieren."

Die beiden Psychologen Günter Amesberger und Wolfgang Hartweger sind auch nicht foul gewesen, es wurde mit jedem Kicker geplaudert. Teamchef Josef Hickersberger fasste den Inhalt so zusammen: "Alle halten das interne Klima für positiv, die Außendarstellung allerdings für verheerend. Sie gestanden Kommunikationsdefizite ein."

Hickersberger stuft die aktuelle Generation, die zum Beispiel gegen Kanada und Venezuela verloren hat, als "aufgeschlossener und ernster als ihre Vorgänger" ein. "Gleichgeblieben ist in Österreich nur die Raunzerei. 1955 hat der hoch geschätzte Qualtinger den Herrn Karl sagen lassen: Wer Pazifist ist und keinen Schuss abgeben will, soll Stürmer bei der österreichischen Nationalmannschaft werden. 1954 waren wir WM-Dritter." (DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 5. Oktober 2006, Christian Hackl)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Spry macht's vor, Kapitän Ivanschitz schaut zu.

Share if you care.