Notbremse gegen vorgetäuschtes Peitschenschlagsyndrom

25. Oktober 2006, 17:54
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Haftpflichtversicherer fühlen sich zu oft hereingelegt - Assekuranz will Bagatellgrenze für Schmerzensgeld einziehen

Wien - Die österreichischen Haftpflichtversicherer holen zu einem Schlag gegen das Peitschenschlagsyndrom aus. Das Leiden lässt sich nach Auffahrunfällen relativ leicht behaupten, aber relativ schwer medizinisch verifizieren. Das führt nach Aussagen von GraWe-Vizechef Hypo-Alpe-Adria-GD Siegfried Grigg, dem Vorsitzenden der Haftpflichtsektion im Versicherungsverband, dazu, dass - so die Tageszeitung "Die Presse" am Mittwoch - Schäden vielfach "nur deshalb bezahlt werden, weil sie behauptet werden", drei mal so häufig von Männern wie von Frauen, was weniger auf die unterschiedliche Anatomie denn auf einen einschlägigen Wissensvorsprung der Männer hindeutet.

Bagatellgrenze

Um einem Missbrauch vorzubeugen, treten die Versicherer nun dafür ein, eine Bagatellgrenze für Schmerzengeldforderungen einzuziehen. Wie Grigg bei einer Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Versicherungsfachwissen zum Thema Schadenersatzrecht am Dienstag in Wien betonte, sollte damit nicht die Ertragssituation seiner Branche verbessert werden. Vielmehr sollten die frei werdenden Beträge für schwerste Schadensfälle (z. B. massive Dauerschäden am Körper) gewidmet werden, bei denen heute in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern noch immer relativ wenig Ersatz geleistet wird. Der höchste Betrag, der bisher vom Obersten Gerichtshof (OGH) zugesprochen wurde, waren 218.018,50 Euro für ein damals 21-jähriges Unfallopfer, das querschnittgelähmt ist und bis an sein Lebensende künstlich beatmet werden muss.

Ansehnliche Beträge

Schließt man aus einer Studie des Europäischen Versicherungsverbands, geht es um ansehnliche Beträge: 50 bis 80 Prozent der Personenschäden nach Kfz-Unfällen würden auf geringfügige Beeinträchtigungen der Halswirbelsäule entfallen, ergab eine Untersuchung in Deutschland, Großbritannien, Italien und Norwegen. Allein in Italien macht diese Kategorie von Verletzungen 2,4 Mrd. Euro pro Jahr aus. In Österreich erhält der einzelne Geschädigte im Schnitt 2.000 Euro. Die Kosten für den Sachverständigen sind im Streitfall mindestens noch einmal so hoch, also zahlen die Versicherungen im Zweifel gleich.

Auf die Frage der "Presse", wie hoch die vorgeschlagene Bagatellgrenze liegen könnte, antwortet Grigg ausweichend: Es sei Aufgabe der Legisten, dies festzulegen. Bemerkenswert sei jedenfalls eine Erfahrung aus Kanada: Als dort 1995 eine Bagatellgrenze eingeführt worden sei, habe sich die Zahl der Verletzungen der Halswirbelsäule binnen eines Jahres um 30 Prozent verringert, so Grigg. "Die Abschaffung des Schmerzengeldes wirkt als positiv auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung", scherzte Grigg.

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