Pressestimmen: Eine weitere Nuklearkrise

5. Oktober 2006, 16:34
posten

"Tages-Anzeiger": Atomwaffentests nur ein Bluff?

Genf/Rom/Paris - Zu Nordkoreas Ankündigung von Atomwaffentests schreibt der "Tages-Anzeiger" aus Zürich am Mittwoch: "Was der kleine Diktator mit der großen Sonnenbrille tatsächlich im Schilde führt, bleibt (...) unklar. Gelänge es ihm effektiv, eine Atombombe zu zünden, wäre Nordkorea nicht mehr nur ein Schurkenstaat, sondern ein unangreifbarer Schurkenstaat. Als Urmitglied der "Achse des Bösen" könnte es sich sicher fühlen vor den USA, selbst dann, wenn die nordkoreanischen Raketen weiterhin ins Meer plumpsen. Als Trägersysteme kommen inzwischen nämlich nicht mehr nur Raketen, sondern auch Terroristen in Frage. Pjöngjang hat denn auch wiederholt gedroht, Atomwaffen an Staaten oder "Organisationen" weiterzugeben. (...) Möglich ist aber auch ein Bluff, ist es doch unüblich, dass angehende Atommächte ihre Tests laut ankündigen."

Die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" kommentiert am Mittwoch: "Nordkorea eröffnet eine neue Krise, während sich die Krise wegen des Atomprogramms mit dem Iran verschärft. (...) Aber wieder einmal geben sich die großen Länder im Glaspalast der Vereinten Nationen in New York gespalten. Während der Botschafter der USA das Thema Nordkorea auf die Tagesordnung setzt, betonen Russland und China, - wenn sie zugleich auch Nordkorea ersuchen, den Schritt rückgängig zu machen -, das Forum für diese Frage seien nicht die UN, sondern die Sechs-Staaten - Verhandlungen, an denen sie selbst sowie Südkorea, die USA und Japan teilnehmen."

Die Straßburger Tageszeitung "Les Dernières Nouvelles d'Alsace" kommentiert: "Die letzte stalinistische Diktatur des Planeten mit Paranoia als Regierungssystem, Nordkorea, entzieht sich jeder Logik. Deshalb ist es schwer zu sagen, wie man Pjöngjangs Ankündigung eines unmittelbar bevorstehenden Atomtests interpretieren soll. Handelt es sich um eine Art Abschreckung, um eine innere Botschaft an ein Volk, das von der Dynastie der Kim Il-Sung und Kim-Jong Il in Ketten geschlagen ist, oder um einen Aufruf zu Verhandlungen, um neue Nahrungsmittelhilfen im Tausch für ein Moratorium zu erhalten? (...) Die USA, die jetzt ihre große Sorge äußern, haben zugelassen, dass Pakistan die Atomwaffe bekommt. Von Pakistan hat die Technologie Nordkorea erreicht, das seinerseits dem Iran erlaubt, sich Raketen seiner Bauart zu verschaffen. Kaum verändert, rüsten diese Raketen auch Syrien aus. Die Atomwaffe könnte den selben Weg der "Schurkenstaaten" gehen. Es würde dann unmöglich, die weitere Verbreitung der Atombombe zu stoppen. Doch wie soll man darauf reagieren?" (APA/dpa)

Share if you care.