Die Saat der Zwietracht

23. November 2006, 17:08
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Gentechnik-Experte Josef Glößl im derStandard.at- Gespräch über selbst ernannte Experten, die Verantwortung der Wissenschaft und das Spiel mit der Angst

Josef Glößl sieht in der grünen Gentechnik Zukunftspotenzial für die Landwirtschaft und sieht keinen Widerspruch gegen eine Zusammenarbeit mit den Bio-Bauern. Im Gespräch mit Sigrid Schamall warnt er vor "ideologischen Rattenfängern" und sieht seine persönliche Verantwortung als Wissenschaftler auch darin, zum Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit mit wissenschaftsbasierten Argumenten beizutragen.

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derStandard.at: Eine Untersuchung Mitte September ergab, dass mehr als jede fünfte Probe Langkornreis in Europa Spuren des nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Reis LL601 enthielt. Wie sicher ist, dass der Reis tatsächlich aus den USA stammt und nicht beispielsweise aus den neuen EU- Ländern?

Josel Glößl: Die Kontamination mit der nicht zugelassenen Sorte wurde im August zuerst in den USA entdeckt und dann in Lieferungen aus den USA nach Europa nachgewiesen. Daher ist es naheliegend, dass er in den USA angebaut wurde.

derStandard.at: Wie kann die Kontaminierung nachgewiesen werden?

Glößl: Der Nachweis wurde mit der so genannten Polymerase Chain Reaction (PCR) erbracht. Es handelt sich dabei um einen Reaktionsansatz, mit dessen Hilfe kurze DNA-Stücke exponentiell vermehrt werden können. Das heißt man kann selbst ein gentechnisch verändertes Reiskorn in einem größeren Volumen nachweisen. Die Kontamination lag im Bereich von unter 0,1 Prozent, meistens unter 0,05 Prozent oder sogar 0,01 Prozent. Das heißt, auf 10.000 Reiskörner kommt ein gentechnisch verändertes Reiskorn.

derStandard.at: Was wurde bei diesem Reis manipuliert? Welches Gen wurde verändert?

Glößl: Das gentechnisch eingefügte Gen vermittelt Herbizid-Toleranz, sprich es entwickelt Widerstandsfähigkeit gegen ein bestimmtes Unkrautbekämpfungsmittel. Es handelt sich dabei im Übrigen um dasselbe Gen, das auch in zwei in den USA zugelassenen gentechnisch veränderten Reissorten vorkommt. Es dient dazu, dass ein Breitbandherbizid angewendet werden kann, welches für den Menschen und die Umwelt weniger schädlich ist als viele andere verwendete Herbizide. Das betreffende Genprodukt hat in den zugelassenen Sorten also alle vorgeschriebenen Sicherheitsauflagen erfüllt. Es muss aber auch festgestellt werden, dass die Kontamination von Handelsware mit nicht zugelassenen gentechnisch veränderten Sorten nicht akzeptabel ist, da dies gegen die gesetzliche Regelung ist.

Gentechnik-Gegner kritisieren häufig den vermeintlich erhöhten Einsatz von Spritzmitteln bei Herbizid-resistenten Pflanzen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die bei dieser gentechnisch veränderten Pflanze ausgebrachten Herbizide müssen im Unterschied zu konventionellen Sorten weniger oft angewendet werden und sind darüber hinaus ? durch die raschere Zersetzbarkeit durch Bodenbakterien ? weniger giftig. Die gentechnisch veränderte Pflanze selbst baut das Unkrautvernichtungsmittel ab, sodass der Konsument nicht zu befürchten hat, dass er noch Giftrückstände mit dem Nahrungsmittel aufnimmt.

Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass man durch gentechnisch veränderte Sorten in dieser Hinsicht kein erhöhtes Risiko hat im Vergleich zu konventionellen Sorten.

derStandard.at: Dennoch herrscht Unsicherheit. Was passiert, wenn man diesen Reis isst?

Glößl: Er wird verdaut wie jeder andere Reis auch. Es gibt keinen guten Grund zur Annahme, dass irgendwelche Kurz- oder Langzeitschäden entstehen. Das Gen, welches in die Kultursorte übertragen wurde, unterscheidet sich in seiner Verdaubarkeit überhaupt nicht von anderen Genen. Wir essen jeden Tag ca. 1 Gramm DNA mit unserer Nahrung und verdauen sie ganz normal. Ob nun ein zusätzliches Gen in der Nahrung vorhanden ist oder nicht, ist für den menschlichen Körper vollkommen irrelevant.

derStandard.at: Kritiker behaupten, dass ein Risiko entstehen könnte, indem Gen-Fragmente vom Verdauungstrakt in die Blutbahn und in der Folge in die inneren Organe kommen.

Glößl: Das passiert in der Tat, das ist auch durch Daten belegt: Mit jedem Nahrungsmittel, das wir zu uns nehmen, geht ein sehr geringer Anteil von noch nicht ganz abgebauten DNA-Molekülen auch in den Blutkreislauf und möglicherweise in innere Organe über. Das ist keineswegs eine Spezialität bei transgenen Pflanzen, sondern passiert auch bei herkömmlicher Nahrung. Daher gibt es keinen guten Grund, daraus eine Gefährdung abzuleiten.

derStandard.at: Umweltschutz-Organisationen wie Greenpeace und Global 2000 haben sich auf Kampagnen gegen die Gentechnik eingeschworen. Sie werfen den Wissenschaftern vor, in die Natur einzugreifen und "Gott zu spielen".

Glößl: Natürlich ist dieses "Gott-Spielen" ein Schlagwort, auf das viele hereinfallen und mit dem man unterschwellige Emotionen schüren möchte. Das ist typisch bei vielen Argumenten, wo Angst gemacht wird. Von christlicher Seite betrachtet, wird man meiner Überzeugung nach nichts finden, das grundsätzlich gegen die Anwendung der Gentechnik spricht. Sogar das Gegenteil ist der Fall, da in einem der Paulus-Briefe sinngemäß steht, "Prüft alles sorgfältig und behaltet das Gute." Gentechnik steht somit keineswegs im Widerspruch zu dem, was Bibel und Kirche uns sagen. Wir müssen vielmehr unsere Verantwortung wahrnehmen und unsere Talente und die besten verfügbaren Werkzeuge zur Lösung von Problemen einsetzen.

Es möge mir bitte jemand sagen, was daran schlecht ist, zum Beispiel nachwachsende Rohstoffe mit Hilfe der Gentechnik bereitzustellen, die Erdöl als Ausgangsbasis ersetzen.

Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass die Veränderung des Erbgutes durch die Gentechnik etwas grundsätzlich Neues sei. Auch durch konventionelle Züchtung wird das Erbgut durch jede Kreuzung vollkommen neu kombiniert oder durch die so genannte Mutationszüchtung auch dramatisch und nicht kontrollierbar verändert.

derStandard.at: Wie läuft Mutationszüchtung ab?

Glößl: Viele der heute verwendeten Kulturpflanzen sind durch solche Züchtungsmethoden aus den 50er- und 60er-Jahren entstanden. Pflanzen werden dazu entweder radioaktiv oder mit Röntgenstrahlen bestrahlt oder mit cancerogenen (krebserregenden) Substanzen behandelt, was eine hohe Mutationsrate bewirkt. Durch ein Selektionsverfahren werden diejenigen Pflanzen herausgefiltert, die den Vorstellungen des Züchters entsprechen. Was dabei allerdings genetisch verändert wird, ist in keiner Weise nachvollziehbar und wird auch nicht überprüft. Das heißt, hier sind sehr viele genetische Veränderungen passiert, die genetische Zusammensetzung und damit auch viele Inhaltsstoffe unterscheiden sich dramatisch von dem, was die Ausgangssorten enthalten haben.

Diese Nahrungsmittel essen wir ganz ohne Bedenken, niemand wird hier ein erhöhtes Risiko vermuten. Sicherheitsüberprüfungen oder toxikologische Tests oder Tests hinsichtlich der Umweltverträglichkeit gibt es bei konventionellen Sorten schlicht und einfach nicht. Im Gegensatz zu den gentechnisch erzeugten Sorten, obwohl hier der genetische Eingriff durch den Transfer eines einzelnen Gens wesentlich geringer ist als bei einer Neuzüchtung mit konventionellen Methoden.

Hier würde ich gerne einmal ein stichhaltiges Argument von Gentechnik-Gegnern hören, wovon sie ein im Vergleich zu konventionellen Sorten erhöhtes Risiko ableiten. Ich habe den Eindruck, dass manche so genannte Umweltorganiationen faktenresistent sind und Erwiesenes nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Es werden Risken konstruiert und behauptet, die von naturwissenschaftlicher Seite nicht begründbar sind.

derStandard.at: Bedenken zu konventionell gezüchteten Lebensmitteln oder einen Aufschrei gab es nie?

Glößl: Warum sollte es einen Aufschrei geben? Den Menschen Angst zu machen, wäre der falsche Ansatz, aber man kann einzelne Punkte herausgreifen, wo tatsächlich Risken bestehen, die signifikant höher sind als sie bei gentechnisch veränderten Pflanzen vorstellbar wären. Zum Beispiel die Kontamination mit pflanzenpathogenen Pilzen, etwa den so genannten Fusarienpilzen. Sie befallen häufig Weizen oder Mais und produzieren Mycotoxine (Pilzgifte). Viele von ihnen sind chronisch toxisch, manche haben eine ähnlich Wirkung wie Steroid-Hormone (Sexual-Hormone) und können dadurch den menschlichen oder tierischen Organismus schädlich beeinflussen.

Nimmt man z.B. Getreide mit erhöhter Mycotoxin-Belastung über einen längeren Zeitraum zu sich, kann es zu schweren Fruchtbarkeitsstörungen kommen. Das Problem der Verpilzung von Getreide ist in der konventionellen und biologischen Landwirtschaft gleichermaßen vorhanden, hier ist noch viel öffentliche Bewusstseinsbildung und Forschungsaktivität zur Erhöhung der Lebensmittelsicherheit erforderlich.

derStandard.at: Freisetzung von gentechnisch veränderten Pflanzen ist in Österreich grundsätzlich nicht verboten. Warum gibt es bis heute keine einzige Zulassung?

Glößl: Wir haben ein gutes Gentechnik-Gesetz in Österreich in Übereinstimmung mit der Europäischen Freisetzungs-Richtlinie, die vor einigen Jahren auf den neuesten Stand gebracht wurde. Jede Freisetzung würde einen kleinstflächigen Anbau für Forschungszwecke bedeuten, nicht aber die konventionelle Verwendung in der Landwirtschaft. Davor müssen in jedem Einzelfall eine Reihe genau festgelegter Auflagen erfüllt werden: Dazu gehören, vereinfacht gesagt, ausführliche Untersuchungen zuerst im Labor und dann im Glashaus, um dann in einer dritten Stufe den Freisetzungsantrag zu stellen. Erst wenn all diese Stufen erfolgreich bewältigt sind, kann eine Sortenzulassung und damit die kommerzielle Verwendung einer gentechnisch verbesserten Sorte beantragt werden.

Unter anderem wegen der politischen Vorverurteilung von Freisetzungsanträgen und dem öffentlichen Druck kam es in Österreich bislang noch zu keiner Freisetzung für Forschungszwecke, geschweige denn zu einem kommerziellen Anbau. Grundsätzlich dürfen jedoch auch in Österreich gentechnisch veränderte Sorten angebaut werden, wenn sie eine EU-Zulassung besitzen. Ein Anbau wurde bisher durch die Verhängung von nationalen Importverboten verhindert.

derStandard.at: Gentechnik und Bio-Bauern - ein Widerspruch?

Glößl: Es gibt meines Erachtens keinen naturwissenschaftlich belegbaren Grund, dass die biologische Landwirtschaft die Gentechnik ablehnt, das ist eher eine Frage von Richtlinien. Im Gegenteil, es gibt gute Gründe zur Annahme, dass die Gentechnik dazu beitragen könnte, verbessertes Saatgut für die biologische Landwirtschaft bereit zu stellen. Mit Hilfe der Gentechnik verbesserte Kulturpflanzensorten können selbstverständlich auch mit den Methoden der biologischen Landwirtschaft bewirtschaftet werden. Ich wage zu behaupten, dass mittel- bis langfristig beide Systeme zusammen kommen werden, vorausgesetzt, dass ideologische Argumente beiseite gelassen werden ? Signale höre ich heute schon. Im direkten Gespräch mit den Bauern, die etwa durch die Verwendung schädlingsresistenter Sorten die Ertragssicherheit verbessern wollen, spüre ich eine sehr offene und pragmatische Einstellung zur Gentechnik. Schließlich müssen die Landwirte von den Erträgen ihrer Ernte leben. Aber die Zeit ist dafür noch nicht reif, dazu bedarf es noch eines intensiven Dialoges zwischen Wissenschaft, Landwirtschaft und Konsumenten. Entscheidend wird meines Erachtens sein, dass überzeugende Produkte entwickelt und bereitgestellt werden, die einen erkennbaren Nutzen für den Konsumenten und/ oder einen Beitrag für die Weiterentwicklung eines nachhaltig orientierten Wirtschaftssystems haben.

derStandard.at: Der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) wird oft vorgeworfen, von der Industrie "gekauft" zu sein. Was sagen Sie dazu?

Glößl: Das ist vollkommen absurd und offenbar Teil einer Strategie. Die Diskussion wird hier nicht über Sachargumente geführt, sondern es wird gegen die renommierten Wissenschafter der EFSA mit persönlichen Untergriffen vorgegangen, um diese zu diskreditieren. Natürlich haben viele von ihnen Kooperationen mit der Industrie, das soll man auch gar nicht verschweigen. Das ist aber forschungspolitisch erwünscht und notwendig und trifft für jedes Wissenschaftsgebiet zu, das irgendwo anwendungsorientiert arbeitet. Die Richtlinien der EFSA sind nach dem Stand der Wissenschaft und Technik das Beste, was verfügbar ist. Selbstverständlich ist aber auch jedes Verfahren immer wieder verbesserbar.

derStandard.at: Warum diese ideologische Ablehnung gegen die Gentechnik in Europa und speziell in Österreich?

Glößl: Liest man sich das Gentechnik-Gesetz oder die europäischen Richtlinien zur Freisetzung durch, sieht man, dass es sich um ein sehr engmaschiges regulatorisches Netzwerk handelt, was aber handhabbar ist. Kaum ein anderer Bereich ist so streng reguliert wie der Gentechnik-Bereich. Vielleicht entsteht aber gerade dadurch in der Öffentlichkeit die Meinung, dass Gentechnik so gefährlich ist.

Zudem scheint es, als ob in Folge des verheerenden Tschernobyl-Unglücks und anderer Vorfälle bei Atomkraftwerken das Misstrauen gegen Technik und Wissenschaft generell gewachsen sei. Darüber hinaus hat in Österreich das Anti- Gentechnik-Volksbegehren stattgefunden und die öffentliche Meinung mit populistischen und wenig sinnvollen Slogans wie "Wir wollen gen- und atomfrei sein" massiv beeinflusst. Dies wirkt bis heute nach, manche Leute glauben bis heute aufgrund mangelnder Information ernsthaft, dass nur gentechnisch veränderte Pflanzen Gene besitzen.

Ich sehe es daher auch als wichtige Aufgabe der Wissenschaft, Aufklärungsarbeit zu leisten. Hier ist insbesondere "Dialog Gentechnik" zu nennen. Dies ist ein Zusammenschluss wissenschaftlicher Organisationen mit dem Ziel, wissenschaftsbasierte Information verständlich aufzubereiten und unter die Leute zu bringen.

derStandard.at: In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Wissenschaft gegenüber den NGOs klar im Nachteil.

Glößl: Wenn Wissenschafter den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen, haben sie von vornherein einen schwierigeren Stand als ein "ideologischer Rattenfänger", der kaum danach gefragt wird, ob seine Argumente valide sind oder nicht.

Jeder Wissenschafter muss sich - auch in der eigenen scientific community - mit Recht die Frage gefallen lassen, ob er vertreten kann, was er in der Öffentlichkeit sagt. Das ist eine Gratwanderung zwischen Verständlichkeit auf der einen Seite und wissenschaftlicher Korrektheit auf der anderen Seite. Ein Wissenschafter, der behauptet, man könne aus einem Produkt kein Risiko ableiten, weiß genau, dass das eben Gesagte falsch ist. Es gibt grundsätzlich kein Null-Risiko, nirgends. Daher ist immer der jeweils richtige Vergleich wichtig, um ein eventuelles Risiko richtig einschätzen zu können. Als Wissenschaftler ist man immer dazu verpflichtet, ein differenziertes Bild der Sachlage zu skizzieren, basierend auf wissenschaftlichen Fakten.

Mit solchen Problemen muss sich z.B. Greenpeace nicht herumschlagen. Hier laufen einige selbst ernannte Gentechnik-Experten herum, die sich keiner Qualifikationsprüfung unterziehen müssen, die sich jeder Sachdiskussion entziehen können und trotzdem ihre Argumente unter die Leute bringen. Die Finanzmittel dafür haben sie. Manche NGOs lukrieren Millionenbudgets an Spendengeldern für ihre Anti-Gentechnik-Kampagnen. Es handelt sich dabei sozusagen um einen multinationalen "Protest-Konzern", der weltweit organisiert ist. Es wird versucht, den Anschein einer demokratischen Organisation zu wecken, in Wahrheit ist das Gegenteil der Fall: Einige wenige Leute transportieren mit effizienten PR-Methoden ihre Botschaften in die Öffentlichkeit, viele Leute werden davon geblendet und gehen auf die Straße, sammeln Spendengelder im Glauben, etwas Gutes zu tun. Aber in Wirklichkeit sitzen sie einigen wenigen Ideologen auf, die weder demokratisch noch fachlich legitimiert sind.

derStandard.at: Wie sieht es mit dem Industriestandort Europa aus?

Glößl: In Europa gibt es weniger Anträge auf Zulassung von gentechnisch veränderten Produkten als etwa in Nordamerika. Eine Firma muss davon ausgehen können, dass, wenn sie in ein längerfristiges Projekt investiert, es auch umsetzbar ist und kein wirtschaftlicher Flop wird. Das bevorzugt natürlich die großen Konzerne ganz dramatisch in ihren Marktchancen, und benachteiligt die kleinen Züchter. Die NGOs, die gegen Gentechnik, Groß- Konzerne und multinationale Unternehmen wettern, spielen genau dieser Entwicklung in die Hand. Kleinen Firmen wird es unmöglich gemacht, eine gentechnisch veränderte Sorte auf den Markt zu bringen und das mögliche wirtschaftliche Potenzial zu nutzen. Aber auch große Unternehmen investieren im Bereich der grünen Gentechnik zunehmend außerhalb Europas, nicht weil die Sicherheitsauflagen dort geringer wären, sondern die öffentliche Ablehnungsfront in der Form wie in Europa weniger existiert.

derStandard.at: Immer mehr Wissenschafter wandern in die USA ab. Würden Sie der Aussage zustimmen, dass in Österreich, aber auch in weiten Teilen Europas, eine tendenziell gentechnik-feindliche Stimmung herrscht?

Glößl: Das Problem ist vielschichtig. Für die Grundlagenforschung herrschen heute in Österreich vergleichsweise sehr gute Bedingungen, unabhängig von der Forschungsdisziplin. Die negative Stimmung in Österreich ist lediglich im Bereich der Anwendung der grünen Gentechnik gegeben, während die Gentechnik im medizinischen Bereich eine hohe Akzeptanz genießt. Heute will jeder die bestmögliche Behandlung, niemand hat ein Problem damit, ein Therapeutikum verabreicht zu bekommen, das gentechnisch hergestellt wurde. Ein Diabetiker ist froh, humanes Insulin zu haben. In der heißen Diskussionsphase vor etwa 15 Jahren war das ganz anders. Diese Medikamente wurden damals strikt abgelehnt, zum Teil von denselben Leuten, die heute Gentechnik in der Medizin befürworten, in der Landwirtschaft aber bekämpfen.

derStandard.at: Woher kam das Umdenken in der Medizin?

Glößl: Ich glaube, einer der sehr wesentlichen Gründe war, dass es für jeden Einzelnen einen potenziellen Nutzen gibt. In der Landwirtschaft ist dieser Nutzen für den Konsumenten nicht sichtbar, noch nicht. Wenn die Produkte eines Tages für den Menschen einen erkennbaren Nutzen haben, wird auch die Akzeptanz steigen. Ich bin überzeugt, dass es in etwa 15 Jahren kein Thema mehr sein wird, dagegen zu sein. Wir in der naturwissenschaftlichen Forschung sind es gewohnt, voraus zu denken. Unsere Aufgabe ist es, einen Beitrag zum Erkenntnisgewinn und zur Lösung von Problemen, die absehbar sind, zu leisten.

derStandard.at: Einer der Vorwürfe der Kritiker lautet, die Gentechnik ist nur etwas für Industrieländer, Gegenbeispiel?

Glößl: Die gentechnisch veränderte Sorte "Golden Rice" enthält mit beta-Carotin eine Vorstufe des lebensnotwendigen Vitamin A. Vitamin-A-Mangel ist in unterentwickelten Ländern eine der häufigen Ursachen für Augenkrankheiten bis hin zur Blindheit.

Für Länder, wo sich die Menschen hauptsächlich von Reis ernähren, kann die Gentechnik einen wichtigen Beitrag leisten: Mangelerscheinungen können behoben oder vermindert werden. Der Golden Rice wurde in der Schweiz und in Deutschland entwickelt und wird derzeit in Asien mit konventionellen Methoden in lokale Sorten eingekreuzt. So könnten Millionen von Menschen vor Blindheit bewahrt werden. Die Firmen, die die Patente für die zugrunde liegende Technologie halten, haben für dieses Projekt auf die sonst üblichen Lizenzgebühren verzichtet.

Selbst solche Projekte werden von bestimmten Gruppierungen auf die Seite gewischt, weil sie quasi als Türöffner für die grüne Gentechnik gefürchtet werden. Um den üblichen Einwänden vorzubeugen sei aber hinzugefügt, dass auch in diesem Fall die Anwendung der Gentechnik als alleinige Maßnahme nicht ausreichen wird, sondern eine Reihe weiterer Maßnahmen notwendig sein werden, um die Ernährungsprobleme in den angesprochenen Ländern nachhaltig zu beseitigen.

derStandard.at: Wie empfinden Sie persönlich das Klima in der aktuellen öffentlichen Diskussion?

Glößl: Die Relationen in den Risikowahrnehmungen sind heutzutage teilweise irrational verschoben: Mit vielen Risken, die uns bekannt sind, haben wir gelernt umzugehen, andererseits werden bestenfalls hypothetisch existierende Risken dramatisiert. Niemand fürchtet sich heute vor einem Hochgeschwindigkeitszug. Vor 100 Jahren gab es noch massive Zweifel, ob der Mensch diese Geschwindigkeiten aushält. Heute steigt jeder mit Gelassenheit in ein Flugzeug oder ein Auto, obwohl hier das persönliche Risiko ungleich höher ist als es durch die Gentechnik in den kühnsten Träumen vorstellbar wäre. Auch das Risiko an falscher Ernährung zu erkranken ist bekanntlich sehr hoch. Wir essen zu viel, ernähren uns einseitig und sind oft maßlos. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Zivilisationskrankheiten rühren daher und nicht von der Gentechnik.

Meine persönliche Verantwortung als Wissenschaftler sehe ich auch darin, zum Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit mit wissenschaftsbasierten Argumenten beizutragen. Das Klima in der öffentlichen Diskussion empfinde ich als durchaus interessant und belebend, da divergierende Meinungen dazu motivieren, die eigene Position immer wieder zu überdenken und nach neuen Argumenten für und wider zu suchen. Eine sehr wichtige Aufgabe in der Diskussion um die grüne Gentechnik sehe ich vor allem darin, den Menschen unbegründete Ängste zu nehmen. Bei Vorträgen und Diskussionen im kleinen Kreis werde ich in dieser Sichtweise immer wieder bestärkt.

  • Glößl: Nach dem Reaktor-Unglück in Tschernobyl waren Slogans wie "Wir wollen gen- und atomfrei sein" sofort in aller Munde. Manche Leute glauben bis heute aufgrund mangelnder Information ernsthaft, dass nur gentechnisch veränderte Pflanzen Gene besitzen.
Zur Person
O.Univ.Prof. Dr. Josef Glößl leitet das Institut für Angewandte Genetik und Zellbiologie an der Universität für Bodenkultur Wien
    foto: standard/andy urban

    Glößl: Nach dem Reaktor-Unglück in Tschernobyl waren Slogans wie "Wir wollen gen- und atomfrei sein" sofort in aller Munde. Manche Leute glauben bis heute aufgrund mangelnder Information ernsthaft, dass nur gentechnisch veränderte Pflanzen Gene besitzen.

    Zur Person
    O.Univ.Prof. Dr. Josef Glößl leitet das Institut für Angewandte Genetik und Zellbiologie an der Universität für Bodenkultur Wien

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