Geschichte und Geschichten

5. Oktober 2006, 07:00
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"Stiller Aufbruch – Frauen in Ungarn erzählen" - Wie haben Frauen den totalitären Sozialismus erlebt?

Was erzählen Frauen in Ungarn über ihr Leben? Wie haben sie den totalitären Sozialismus erlebt? Margot Wieser, geboren 1963, die in Budapest lebende österreichische Germanistin und Romanistin, lässt in der spannenden Dokumentation "Stiller Aufbruch – Frauen in Ungarn erzählen" dreizehn Ungarinnen aus verschiedenen sozialen Schichten, aus mehreren Generationen und unterschiedlichsten Berufen zu Wort kommen. Diese Frauengeschichten vermitteln Einblicke in ungarische Lebenssituationen, politische Haltungen, alte und neue Wertvorstellungen, die den Alltag bestimmen und bestimmten, sowie in Hoffnungen und Träume. Es sind Stellungnahmen in Bezug auf Vergangenes und Gegenwärtiges, Verknüpfungen von Individualgeschichte und der Geschichte eines Landes, die sehr oft nicht voneinander trennbar sind.

Und noch einmal Hannah Arendt

"Am ersten Todestag der Freiheit blieb das ganze Volk einmütig und in voller Spontanität allen Vergnügungsstätten, den Theatern und Kinos, den Cafés und Restaurants fern, und es schickte seine Kinder mit kleinen Kerzen in die Schule, die sie in die Tintenfässer der Klassenpulte steckten. Das dem Ereignis der Revolution die Größe eignete, die für die Geschichtlichkeit unerlässlich ist, war damit erwiesen".

Die Vielfalt der ungarischen Literatur, ganz besonders diejenige von Frauen, sorgt dafür, dass diese Revolution auch aus weiblicher Sicht – viele der KämpferInnen waren Frauen – in die Literaturgeschichte eingeht. Das Lesen dieser Literatur schärft den Blick auf ein – trotz offener politischer Grenzen und geografischer Nähe – noch sehr unbekanntes Land mit so reicher zeitgenössischer Kunst und Kultur. Der Blick über den Tellerrand ist in derart kalten politischen Zeiten, wie sie hier "herrschen", notwendig und bringt uns ein wenig Zärtlichkeit ins Herz und politisches Denken ins Hirn. Beides haben wir dringend nötig!

Und weitere Tipps

P.S.: Für alle Krimileserinnen: Blaubarts Handy, die ultimative Krimistadtführerin von BP (Budapest), und Pannonias Gral, der eine Flucht von 1956 streift, stammen beide von der in Budapest lebenden deutschen Autorin und Filmemacherin Katrin Kremmler und sind sehr empfehlenswert.

P.P.S.: Das Lesbendorf aus dem Roman "Ziegenrouge" gibt es wirklich: Pilgerfahrt ins Ziegenrouge-Land, 35 min., 2005 Dokumentarfilm, Regie: Mariá Takács.
Seit über zwanzig Jahren gibt es in Ungarn ein Lesbendorf. Viele hatten schon davon munkeln hören, doch nur wenige Eingeweihte waren selbst jemals dort gewesen. Für junge Budapester Lesben war es ein mythischer Ort. Ein Film einer "Wallfahrt" der ungarischen Lesbenorganisation Labrisz in dieses Lesbendorf, und die "Ureinwohnerinnen von Satina" Agáta und Cilin erzählen am Feuer... Siehe www.labrisz.hu. (Ruth Devime)

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