Vergegenwärtigung der Revolution

5. Oktober 2006, 07:00
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In den Romanen von Erzsébet Galgóczi und Magda Szabo finden sich umfassende Hintergrund-Informationen zum Verständnis der Revolution

Sehr umfassende Hintergrundinformationen sowie Verständnis für diese Revolution finden LeserInnen in den Romanen von Erzsébet Galgóczi und Magda Szabo. Erzsébet Galgóczi (1930-1989), eine der wenigen Schriftstellerinnen, der ein eigenes Museum (in ihrem Geburtsort Menföcsanak bei Györ) gewidmet ist, lässt die Jahre vor der Revolution mit ihrer geistigen Eiszeit vor unserem inneren Auge vorüber ziehen.

"Die Falle"

In "Die Falle" nimmt sie sich eines Themas an, das bis in die 80-er Jahre in Ungarn tabu war: Personenkult und Schauprozesse in der ersten Hälfte der 50-er Jahre. Im Mittelpunkt steht eine Kunststudentin bäuerlicher Herkunft, deren Geschichte mit der einer älteren, ehemals bürgerlichen Frau, deren Mann in einem Schauprozess wegen Sabotage und versuchten Umsturzes zum Tode verurteilt, dann aber zu lebenslanger Haft begnadigt wurde, aufs Wunderbarste verschränkt wird.

"Eine andere Liebe"

Durch die Verknüpfung historischer Ereignisse mit fiktiven Handlungsebenen sowie die Einführung zahlreicher Nebenhandlungen und Personen entsteht das bedrückende Panorama einer Gesellschaft, die gelähmt einer Schreckensherrschaft ausgeliefert ist. In ihrem Roman "Eine andere Liebe" versteht es Erzsébet Galgóczi vortrefflich, eine dichte, geballte Atmosphäre zu erzeugen. Sie entwickelt die Geschichte einer Frau, die – als Patriotin, als unangepasste Intellektuelle, als kritische Journalistin, als Lesbe – nach der ungarischen Revolution nicht mehr in ihrem Land leben kann.

"Die St. Christophoruskapelle"

Eva Szalànczky gerät in eine Gefühlsfalle: Viele ihrer FreundInnen oder Bekannten kamen ins Gefängnis, wurden gehängt oder flüchteten. Durch ihr kritisches Engagement sowie durch die Liebe zu einer Redaktionskollegin katapultiert sie sich nach der Niederschlagung des Volksaufstands 1956, an dem sie nicht beteiligt war, ins gesellschaftliche Abseits. "Der Kompromiss ist wie eine Laufmasche in einem Nylonstrumpf. Sie läuft weiter, und der Mensch besteht schließlich nur mehr aus Laufmaschen". Dieses Meisterinnenwerk der Erzählkunst liegt in deutschsprachiger Neuauflage vor und wurde erfolgreich verfilmt. Den Roman "Die St. Christophoruskapelle" lege ich jeder Frau ans Herz, die sich aus nicht erfüllten und/oder einengenden Liebesbeziehungen befreien will. Hätte ich ihn bloß mit 20 Jahren gelesen!

"Hinter der Tür"

Magda Szabó, geboren 1917, die Grande Dame der ungarischen Literatur, deren Romane und Erzählungen in zahlreiche Sprachen übersetzt sind, hat Weltliteratur geschrieben. Ihr Roman "Hinter der Tür" ist ein Doppelporträt der Haushälterin Emerence und ihrer "Herrin", einer Schriftstellerin, die fast einer Mutter-Tochter-Beziehung gleichkommt. Hinter der Tür von Emerence verbirgt sich ein Geheimnis, dessen Enthüllung das Ende dieser Freundinnenschaft zwischen zwei aufeinander prallender Welten bedeutet. Ein Stück Zeitgeschichte vom Feinsten und ein Wunder der Erzählkunst! Dies gilt auch für die vielen anderen Romane Szabòs, unter anderem "Das Fresko", 1960, "Die andere Esther", 1961, "Katharinenstraße", 1971. Auf die Frage einer Schülerin "Warum schreiben Sie?", antwortete Magda Szabó: "Fragen sie einen Vogel warum er singt?" (Ruth Devime)

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    Erzsébet Galgóczi
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