"Rolls-Royce"-Kindermöbel im Wiener Hofmobiliendepot

4. Oktober 2006, 09:51
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Als Thonet 1880 als erste begann, industriell Kindermöbel herzustellen, war es dann lange wieder vorbei mit Kindermobiliar

Zappelphilipp und seine Möbel

Marijana Miljkovic

Wien - Kinder auf Erwachsenenstühlen - das konnte ja nur dazu führen, dass sie zappelten und schaukelten, witzelt Eva Ottillinger, Kuratorin der Ausstellung "Zappel, Philipp!" über Kindermöbel im Wiener Hofmobiliendepot. "Natürlich", räumt sie ein, konnte man auch auf den Kufen- und kindergerechten Stühlen schaukeln, obwohl diese genau das zu unterbinden versuchten - "man fällt nur radikaler hin."

Die Ausstellung, die sich von 4. Oktober bis 7. Jänner weniger der Sozial- und Kulturgeschichte denn der Designgeschichte von Kindermöbeln widmet, beginnt mit den Stücken aus genau der Zeit, in welcher der Arzt Heinrich Hoffmann seinen "Struwwelpeter", in dem auch der Zappelphilipp vorkommt, herausgegeben hat - im 19. Jahrhundert.

Firma Thonet

Von der Wiege weg, beispielsweise jener von Kronprinz Rudolf, bis zu den Schulmöbeln in Form von Bankreihen und auch jenen aus den Klassenzimmern der 1970er-Jahre zeigt die Schau die Entwicklung und die Ideen zu Kindermobiliar. Von Holz über Karton bis Kunststoff kommen auch für Kindermöbel alle Materialien zum Einsatz, jedoch nicht immer eigene Designs. Bevor die Firma Thonet 1880 als erste begann, industriell Kindermöbel herzustellen, war es nach der Wiege und dem Gitterbett vorbei mit Kindermobiliar in den Stuben. Neben den schwarzen Bugholzmöbeln, welche Thonet auf Kindergröße schrumpfen ließ, gab es auch putzige Entwürfe wie einen roten Sessel mit ausgeschnittenem Herz in der massiven Lehne. Die Anti-Schaukel-Stühle mit Kufen tauchten in der Wiener Moderne (1900) auf.

"Rappelkiste" von Luigi Colani

Die Bauhaus-Kindermöbel (1919) waren unter anderem in Form von Freischwingerstühlen zu kaufen. Den "Rolls-Royce" der Kinderzimmer (Ottillinger), die "Rappelkiste" von Luigi Colani, konnte sich vor 30 Jahren noch niemand leisten. Die Kombination aus Bett und Spielplatz gibt es in der Ikea-Variante heute aber in fast jedem Kinderzimmer, erklärt die Kuratorin.

Das "Zappelphilipp-Syndrom" oder Hyperaktivität ist eine häufig diagnostizierte "Kinderkrankheit", schreibt der oberösterreichische Verein für hyperaktive Kinder. Mit inadäquaten Kindermöbeln habe das aber wenig zu tun, schmunzelt Elterntrainerin Patricia Pehertstorfer. (Marijana Miljkovic, DER STANDARD Printausgabe 4.10.2006)

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