Auf der Suche nach dem Mozart-Effekt

10. Oktober 2006, 21:59
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Beim Kongress "Mozart and Science" spüren Wissenschafter aus verschiedenen Disziplinen den Wirkungen der Musik nach

Fest steht: Es tut sich was, doch beim Wie und dem Warum sind sich die Forscher noch ziemlich uneinig.


Verglichen mit den meisten anderen Tieren weiß man über Ratten eine ganze Menge, gehören die Nagetiere doch zu den beliebtesten Versuchstieren der Biologie und der Medizin. Welche Wirkungen die Musik auf sie hat, war bislang allerdings noch relativ unerforscht. Also ließ sie Björn Lemmer mit sehr unterschiedlicher klassischer Musik beschallen und schaute, was passierte. Bei der Konferenz "Mozart and Science" trug er die noch unveröffentlichten Ergebnisse unter dem Titel "Die Wirkung der Musik von Mozart und Ligeti auf die zirkadianen Rhythmen der Herz-Kreislauf-Funktionen bei Ratten mit normalem und hohem Blutdruck" vor.

Die bisherigen Erkenntnisse des Pharmakologie Professors von der Universität Heidelberg sind jedenfalls etwas überraschend. Denn Mozart scheint den Ratten im Großen und Ganzen einigermaßen egal zu sein, jedenfalls änderten sich weder Blutdruck, Herzfrequenz noch ihre Aktivität im Käfig, als sie eine Stunde lang Mozarts Symphonie Nr. 40 in g-Moll (KV 550) ausgesetzt wurden. Bei Ligeti wiederum, dessen Musik ja auch für Kubricks Psychothriller "Shining" zum Einsatz kam, reagierten die Ratten - aber ganz ohne Stress: die Herzfrequenz der Versuchstiere senkte sich signifikant, zugleich stieg ihr systolischer Blutdruck an. Warum das so ist, weiß Lemmer nicht, wie er in der Diskussion offen zugab.

Aber womöglich hat zumindest Mozart ja andere Wirkungen. Das behaupteten zumindest Gordon Shaw und Frances Rauscher bereits vor mehr als zehn Jahren: Ihre Versuche hätten nämlich ergeben, dass sich die Beschallung mit Mozart sowohl bei Ratten wie bei Menschen positiv auf die räumliche Vorstellungskraft und damit auch auf den Intelligenzquotienten auswirken würde. Das bis heute umstrittene Phänomen erhielt den Namen "Mozart-Effekt" und fand geschickte Propagandisten wie den US-Amerikaner Don Campbell, der darüber einen gleichnamigen Bestseller schrieb und ebenfalls bei "Mozart & Science" referierte.

Visualisierung

"Wie Musik wirkt", der Untertitel der Veranstaltung, war die leitende Forschungsfrage bei den meisten Präsentationen. Doch allzu viele Gemeinsamkeiten gab es dabei nicht. Das fing bereits mit einigen neurobiologischen Vorträgen am ersten Tag der Konferenz an. Die neuen Möglichkeiten der Visualisierung von Hirnaktivitäten hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass man zahllose Musiker beim Musikhören Hirnscans unterzog und sie mit jenen von Nicht-Musikern verglich. Dabei zeigte sich unter anderem, dass bei Musikern in einem bestimmten Frequenzbereich der Hirnwellen mehr Gehirnregionen beteiligt sind als bei Laien, wie Joydeep Bhattacharya von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften nachweisen konnte. Was man sich immer schon gedacht hat - dass Musiker beim Anhören von Brahms & Co mehr hören als Unsereins - konnte nun immerhin auch durch die Hirnforschung bestätigt werden.

Auch Stefan Koelsch vom Max Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig konnte etwas experimentell nachweisen, das uns allen einigermaßen bekannt ist: dass Musik auch etwas mit Gefühlen zu tun hat. In den Worten des Neurokognitionsforschers: "Das Hören von Musik kann umfassende cerebrale Netzwerke aktivieren, die an der Verarbeitung von Emotion beteiligt sind." Zudem konnte er anhand von Hirnscans aber auch sichtbar machen, dass bei der Verarbeitung von Musik und von Sprache ähnliche Prozesse ablaufen, ganz ähnliche Hirnregionen beteiligt sind - und dass das Hören von Musik und das aktive Musizieren womöglich positive Auswirkungen auf die sprachliche Entwicklung haben.

Gibt es also doch einen Musik-, wenn schon nicht einen Mozarteffekt? Oder konkreter gefragt: Lernen zum Beispiel Kinder mehr und besser, wenn sie in der Schule mehr Musikunterricht haben? Diese und ähnliche Fragen standen am zweiten Tag des Symposiums im Zentrum der Referate und der Diskussionen. Und auch hier zeigte sich ein breites Spektrum an Antworten, auch wenn mittlerweile die intellektuellen "Umwegrentabilitäten" von Musikerziehungen und Instrumentalausbildungen nicht mehr ganz so euphorisch beurteilt werden wie das noch vor zehn Jahren nach der vermeintlichen Entdeckung des "Mozart-Effekts" der Fall war.

Die Musikpsychologin Frances H. Rauscher zum Beispiel, die damals am "Mozart-Hype" in der Intelligenzforschung beteiligt war, konnte bei Schülern mit ohne Klavierunterricht und Schülern ohne diese Zusatzausbildung - zumindest in den ersten Jahren - keine allzu großen Unterschiede bei den kognitiven Fähigkeiten feststellen. Ihr Vortrag über "Musikerziehung und ihre Wirkung auf die Kognition sozial benachteiligter Kinder" lief eher auf ein sanftes Plädoyer darauf hinaus, dass man dem Nachwuchs aus allen Schichten ermöglichen sollte, ein Instrument zu lernen - durchaus auch als Selbstzweck. Dem konnte auch der Musikpädagoge Hans Günter Bastian, Emeritus der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main, zustimmen, der dafür einen angeblichen Ausspruch Oscar Wildes bemühte: "Musik ist ganz nutzlos. Und genau das macht sie so wertvoll!" Eine interessante Gemeinsamkeit bei den meisten Präsentationen von "Mozart & Science" gab es immerhin. Fast immer, wenn von Musik die Rede war, war damit klassische Musik gemeint. Popmusik in allen ihren Facetten - vom Jazz bis zum Techno - spielte eine eher untergeordnete Rolle.

Aber vielleicht wirkt diese Musik ja auch schlechter. Das zumindest legen Versuche an Hühnern nahe, die der renommierte Verhaltenspsychologe Jaak Panksepp durchgeführt hat. Er hat beobachtet, dass sich ihr Gefieder vor Angst sträubte, als man ihnen "The Final Cut" von Pink Floyd vorspielte. Warum das Geflügel auf britischen Progressive Rock ähnlich aufgeregt reagiert, wie Eltern, denen man das Weinen ihrer Kinder vorspielt, konnte aber auch Panksepp nicht beantworten. Womöglich verstanden die Hühner ja Englisch und haben nur den Plattentitel falsch verstanden. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.10. 2006)

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