Die frohe Blog-Botschaft verkünden

10. Oktober 2006, 21:59
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Social Software als Konferenzthema: Die Tagung "Blogtalk reloaded" im Wiener Techgate

Anfang dieser Woche im Konferenzraum des Wiener Techgate: Die Zuhörer haben ihre Laptops auf dem Schoß und können ihre Finger auch während der Vorträge nicht vom Keyboard lassen. Den Hauptvortrag über die wachsende Bedeutung von Social Software hält Danah Boyd, eine kalifornische Doktorandin, deren Forschung von Yahoo gesponsert wird.

Die Konferenz "Blogtalk reloaded" bringt Webdesigner, Sozialwissenschafter und Anwender zusammen, man ist jung, hip und technophil. Die Vorträge werden gefilmt und sofort online gestellt, die Namensschilder sind handgeschrieben.

Nur links neben mir sitzt ein ernst dreinblickender Krawattenträger mit kurzen Haaren und einem kleinen Schreibblock. Sollte er Abgesandter eines Unternehmens sein, das sich über den Nutzen von Social Software informieren will? Falls ja, ist er hier am richtigen Ort. Social Software, dieser schwer zu definierende Überbegriff für Blogs, Wikis und Tagging, ist durch die Konsumenten und nicht durch die Wirtschaft entwickelt worden. Aber die Wertschöpfung durch Onlinecommunities wie Wikipedia und Flickr versuchen längst auch die Intranets vieler Konzerne nachzuahmen.

Wer in sein will, setzt einen Businessblog auf. Die Informationen werden fließen, die Abläufe vereinfacht und beschleunigt, die Firma wird zur Gemeinschaft, so hofft man. Und wer nach einigen Wochen feststellt, dass im Blog Friedhofsruhe herrscht, ruft die Social Software Feuerwehr. Zum Beispiel Suw Charman. Die britische Beraterin weiß, woran Biz-Blogs scheitern. An der Technik liegt es in aller Regel nicht: Die Defekte sind sozialer Natur.

Dass die Schwelle für den Einstieg niedrig und die Navigation intuitiv sein müssen, ist bekannt. Aber das reicht nicht. Denn anders als im WorldWideWeb gibt es im Firmenblog keine Anonymität. Wikis etwa sind dazu da, gemeinsam eine Strategie oder ein Memorandum zu formulieren. Aber wer fängt an? Die Angst, sich zu blamieren, hemmt.

Was tun? Suw Charman sucht nach "Evangelisten", also jenen wenigen Mitarbeiter, die von Social Software begeistert sind. Ein Berater kann nur wenige coachen, danach muss sich der Virus von alleine verbreiten. Die Evangelisten müssen also einflussreich sein, sozial einflussreich, wohlgemerkt. Das können auch Sekretärinnen oder Persönliche Assistenten sein. Führen sie Blogs und Wikis in die Arbeitspraxis ein, kann dies nachhaltige Wirkung entfalten.

"Eigentlich müsste ich erstmal Psychologie studieren", berichtet Charman von den Herausforderungen ihres Berateralltags. Besonders harte Nüsse sind die "Wissenshorter", die ihre Informationen für sich behalten anstatt sie mit den Kollegen teilen. Sie tun dies aus Unsicherheit, vermutet Charman. Dabei könnten sie als viel gefragte Wissensverteiler selbst soziales Kapital anhäufen.

Die Widerstände gegen Social Software sind vielfältig und reichen von der hauseigenen IT-Abteilung, die fürchtet überflüssig zu werden bis hin zur lernunwilligen Belegschaft. Der britische SocialSoftware-Entwickler Lee Bryant missioniert gerade bei einer altehrwürdigen Lawfirm mit Hauptsitz in London und tausenden von Mitarbeitern weltweit. Wie gewinnt man penible Rechtsanwälte für Social Software? Bryants Tipp: Nicht von Wikis sprechen, sondern von Group Space. Keine flauschige Wir-teilen-alles-Ideologie propagieren, sondern klar machen, dass es sich um ein Werkzeug handelt, das Ergebnisse verbessert.

So lässt sich die Abhängigkeit von einem ausufernden E-Mail-Verkehr reduzieren, ein Blog ermöglicht eine nachvollziehbare Diskussion. Um Texte gemeinsam zu verfassen, ist ein Wiki-Tool viel besser als ein Word-Dokument, das im Korrekturmodus zunehmend unlesbar wird. Und die "Nichtanonymität" von Corporate Blogs sieht Bryant eher als Vorteil, gerade im Vergleich zu jenen außerhalb der Firewalls. In anonymen Foren sind Beschimpfungen Alltag, Sabotage von Wikipedia-Artikeln ist ein Hobby geworden. Im Firmenblog aber kennt man sich und hat gleiche Ziele. Bryant prophezeit dem Einsatz von Social Software in Unternehmen eine große Zukunft. Der stille Krawattenträger nebenan hat jedenfalls fleißig Notizen gemacht. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.10. 2006)

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