Die Schönheit der Mathematik

10. Oktober 2006, 21:59
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Dem Physiker Ludwig Boltzmann lässt sich dank des neuen Buches seiner Enkelin beim Schreiben und Denken über die Schulter sehen

Ein neues Buch der Enkelin von Ludwig Boltzmann, Ilse Maria Fasol-Boltzmann, erlaubt es, dem berühmten Physiker, der sich vor 100 Jahren das Leben genommen hat, beim Schreiben und Denken über die Schulter zu sehen.


Zuerst machte Ilse Maria Fasol-Boltzmann Sport. Skifahren und Leichtathletik waren ihre Lieblingsdisziplinen, und 1947, mit 20, holte sie eine Silbermedaille bei den Akademischen Weltmeisterschaften in Paris. Später unterrichtete sie dieses Fach auch; zuerst in Wien und dann in Bochum.

Den Nachlass ihres Großvaters machte sie erst Jahre danach zu ihrem Lebensmittelpunkt. Doch als das passierte, so hat man den Eindruck, wurde sie von diesem richtiggehend vereinnahmt. Was nicht verwundert, denn ihr Großvater war Ludwig Boltzmann, der Physiker, der sich vor 100 Jahren, im September 1906, das Leben genommen hat. Deshalb ist Ilse Maria Fasol-Boltzmann auch vor einigen Tagen nach Graz gekommen. In einem Literatur-Café präsentierte sie ihr neuestes Buch, das sie auf Basis des Nachlasses zusammen mit ihrem Sohn Gerhard Ludwig Fasol herausgegeben hat.

"Ludwig Boltzmann (1844- 1906). Zum hundertsten Todestag" heißt die bei Springer erschienene und unter anderem mit Unterstützung der Ludwig Boltzmann Gesellschaft und des Wissenschaftsministeriums gedruckte Publikation, die Fasol-Boltzmann, heute 79, bescheiden als "Gedenkband" und nicht etwa als wissenschaftliche Arbeit verstanden wissen will. Weil zum Beispiel das längste Kapitel vor allem nur über Boltzmann erzählt; über sein Familienleben, seine akademische Karriere und seine psychischen Probleme, die schließlich auch zum Suizid führten.

Doch das Buch ist viel mehr. Was deutlich wird, wenn Ilse Maria Fasol-Boltzmann im einen Augenblick noch vom einfachen "Gedenkband" spricht, um im nächsten aber klarzustellen, was es eigentlich heißt, sich mit dem Nachlass von Ludwig Boltzmann zu beschäftigen. "Mein Großvater schrieb alles in einer alten Stenografie, die nicht einmal Experten lesen konnten, als ich sie ihnen zeigte."

Zehn Jahre brauchte sie, um Boltzmanns Variation der so genannten Gabelsberger Kurzschrift (siehe Foto rechts) dechiffrieren zu können, mit der dieser unzählige Notizbücher gefüllt hatte. Die Gabelsberger Kurzschrift hielt ihre Benutzer nämlich dazu an, für besonders häufig verwendete Worte eigene Kürzeln zu entwickeln. Was Boltzmann auch getan hatte; mit dem Effekt, dass seine Enkelin wohl noch länger für eine Entzifferung benötigt hätte, wäre nicht eine Vorlesung über seine Naturphilosophie in der damaligen Presse abgedruckt worden und wenigstens in Ansätzen zugänglich geblieben. Speziell durch einen Vergleich der Vorlesung mit den Notizbüchern wurde es möglich, die Boltzmannsche Zeichenwelt lesbar zu machen. Und damit auch einige Schriften wiederzugewinnen, die als verloren gegolten hatten, bis sie Fasol-Boltzmann aus dem Nachlass transkribierte und veröffentlichte.

Das macht auch das Buch so interessant. Denn nicht nur erläutert die Herausgeberin, wie sie Boltzmanns Notizbücher entschlüsselte; sie bringt auch Auszüge aus denselben; konkret aus einem, das erst in den letzten Lebensjahren Boltzmanns entstanden war.

Wodurch einerseits ersichtlich wird, worüber Boltzmann damals nachdachte - über Naturwissenschaft allgemein, über Charles Darwin, über Philosophie, über Solipsismus, über Franz Brentano und vieles mehr -, anderseits aber auch, wie er es tat: Ein einziger Strom von Assoziationen und Gedanken scheint sich in diesem Notizbuch auf das Papier zu ergießen ("Wissenschaft wie Kochbuch; enthält (nicht) Speisen, aber Regeln"); ein Ideenfluss, der offensichtlich aus dem Unbewussten kommt und um Symbolisierung und Worte ringt ("Drama der Philosophie = Brechreiz bei Migräne, der etwas auswürgen will, wo nichts ist. I (Es ist) Aufgabe der Philosophie, die Menschheit von dieser Migräne zu befreien"), die gar nicht schnell genug gefunden werden können.

In Hochgeschwindigkeit versucht hier jemand etwas ausdrücken und entäußern zu wollen ("Als Beispiel, dass Taten nicht Logiken beweisen: Planck's Satz, dass die Energien verdünnter Lösungen sich addieren, (die kinetischen Energien) mv2/2 nicht"); ganz so, als ob das Bewusstsein gleich wieder für den nächsten Schwall an Ideen freigemacht werden müsste, die jeden Moment aus seinen Tiefenschichten auftauchen.

Ringen um Worte

Bedürfte es noch irgendeines Beweises dafür, dass die Entstehung des Neuen an einer unlokalisierbaren Schnittstelle von Bewusstsein und Unbewusstem passiert, an dem Punkt, an dem das Figurative und Bildhafte in Symbole und Sprache überführt wird - die Auszüge aus Boltzmanns Notizbüchern lieferten sie.

Spätestens wenn man in Fasol-Boltzmanns Buch bei diesen Notizen ihres Großvaters angelangt ist, wird auch klar, weshalb selbiger stenografierte: Er konnte gar nicht anders, wenn er seinem eigenen Ideenansturm gewachsen sein wollte. Fragmentarische Sätze wurden deshalb in einer Kurzschrift-Form festgehalten, die Boltzmann dann noch einmal, ganz den Regeln der Gabelsberger Stenografie folgend, weiter verkürzte: Hochgeschwindigkeitsschrift für einen Schnelldenker, der für genau diese Gabe berühmt war.

Auf diesen kurzschriftlichen Zeichenkosmos baute Boltzmann in der Folge seine Vorlesungen auf, in denen es dann, so seine Enkelin, gleichsam in die andere Richtung ging. Aus den Fragment-Sätzen, in denen das Ringen um Worte und Begriffe spürbar ist, wurden im Reden durchdachte Formulierungen; ein Verdichtungsprozess, der in der Überarbeitung der Vorlesungsmitschriften, die Boltzmann regelmäßig praktizierte, seinen Höhepunkt erreichte.

Wissenschaftliches Schreiben wurde so bei Boltzmann zu einem hoch kreativen, ästhetischen Akt, in dessen Verlauf er sich über mehrere Gestaltungsebenen hinweg systematisch in Richtung vollendete Form bewegte. Nicht umsonst sprach Boltzmann anlässlich der 301. Jahrfeier der Grazer Uni von der Schönheit der Mathematik und mithin von der Schönheit der Formalisierung. Die er etwa am Beispiel von Helmholtz, Gauss oder Maxwell thematisierte, indem er deren eigene "mathematische Handschriften" mit Analogien aus der Musik ("Maxwell ist kein Programm-Musiker, der über die Noten deren Erklärung setzen muss") darzustellen versuchte.

Dass man Ludwig Boltzmann beim Denken zusehen kann - das ist das Verdienst von Ilse Maria Fasol-Boltzmann, die seine Kurzschrift und damit gewissermaßen seine "Handschrift des Denkens" erschlossen hat. (Christian Eigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.10. 2006)

Ilse Maria Fasol-Boltzmann, Gerhard Ludwig Fasol (Hrsg)
"Ludwig Boltzmann (1844-1906). Zum hundersten Todestag"
Springer, Wien 2006; 196 Seiten; 29,- Euro.
  • Kryptisch geschriebene Wissenschaft: Eine Variation der so genannten Gabelsberger Kurzschrift. Ludwig Boltzmann verfasste unzählige Notizbücher in dieser Schrift. Zehn Jahre brauchte seine Enkelin, Ilse Maria Fasol-Boltzmann, um den Nachlass des großen Physikers zu entziffern und zu übersetzen.
    buchcover/springer

    Kryptisch geschriebene Wissenschaft: Eine Variation der so genannten Gabelsberger Kurzschrift. Ludwig Boltzmann verfasste unzählige Notizbücher in dieser Schrift. Zehn Jahre brauchte seine Enkelin, Ilse Maria Fasol-Boltzmann, um den Nachlass des großen Physikers zu entziffern und zu übersetzen.

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