Lebensschule mit Kind im Arm

3. Oktober 2006, 19:48
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Katharina Hacker erhielt den "Deutschen Buchpreis" für ihren Roman über die Orientierungslosigkeit der Enddreißiger

Kaiserwahlen haben Tradition in Frankfurt. Seit immerhin 650 Jahren. Damals, anno 1356, erklärte die "Goldene Bulle", gewissermaßen das Grundgesetz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die Stadt am Main zum Ort der Wahl. Fortan trafen die Kurfürsten hier zusammen, erst sieben, später neun, um ihn zu berufen, den Kaiser. Wolfgang G., ein Kind der Stadt, erlebte hier die Wahl Josefs II. - und beschrieb dessen körperliche Ausdünstungen später wenig respektvoll in "Dichtung und Wahrheit".

Der Deutsche Buchpreis, den der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im vergangenen Jahr ins Leben rief, will hoch hinaus. Folglich ist es nur konsequent, dies ohne falsche Bescheidenheit durch die angemessene Ortsfindung zu dokumentieren.

Sieben Köpfe

Im Kaisersaal des Frankfurter Römer gab die Jury, auch sie siebenköpfig, ihre Wahl bekannt. - Und setzte doch ein Zeichen der Erneuerung in das historische Ambiente. Schließlich: Kaiser ist ein männlicher Beruf - wie die Bildnisse an den Wänden, in gotische Spitzbögen über den Eichen-Paneelen geschmiegt, bezeugen. Dennoch. Der Buchkaiser 2006 ist eine Kaiserin. Zum "besten deutschsprachigen Roman" des Jahres 2006 kürten die Juroren Katharina Hackers Die Habenichtse. Und somit die einzige weibliche Kandidatin unter den sechs Nominierungen der Shortlist.

Eine Wahl, die schon insofern für den Preis einnimmt, als gerade in den Anfangsjahren der neu geschaffenen Auszeichnung die Versuchung groß sein könnte, ihr durch bekannte Namen öffentliches Aufsehen zu sichern. Mit Martin Walser und seinem hoch gelobten Opus Angstblüte stand in diesem Jahr ein prominenter Siegerkandidat zur Wahl. Und doch gewann er den Preis ebenso wenig wie Friederike Mayröcker im Jahr zuvor. Wieder entschied man sich - wie bereits 2005 mit der Wahl für den Vorarlberger Arno Geiger - für eine unerwartete Lösung.

Inhaltliches

Neben Walser hatten Thomas Hettche und Ingo Schulze als Favoriten gegolten. Nun also Katharina Hacker, die 39-jährige Frankfurterin mit ihrem im März bei Suhrkamp erschienenen Roman über die Orientierungslosigkeit der Generation der Enddreißiger.

Paare mit einem guten Einkommen, aber wenig Wissen darüber, wie ein Leben, ein Zusammenleben, eine Ehe, zu gestalten seien. Habenichtse der Lebensphilosophie, mit wenig Interesse an gesellschaftspolitischen Themen. Aber was heißt das schon, politisch sein? "Ist nicht das Private das Politische? Versuchen wir nicht behutsam, unser Leben so zu formen, dass es gesellschaftliche Auswirkungen hat?", fragte Hacker im anschließenden Pressegespräch - und gab die Antwort gleich lieber selbst: ihre eben geborene Tochter im Arm, deren Erwachen die Fragerunde nach wenigen Minuten beendete.

"Lesen Sie!"

Sie habe sich oft gewünscht, etwas berühmter zu sein, beschloss sie übrigens ihre Dankesrede, und erklärte sofort, warum: "Nicht, um etwas über mein Buch zu sagen, sondern über ein anderes Buch, das ich gerade lese und das ich grandios finde. Diesen Wunsch erfülle ich mir heute: "Lesen Sie alle Älter werden von Silvia Bovenschen!"

Oder Katharina Hackers Die Habenichtse. Die eigenwillige Entscheidung der Juroren jedenfalls macht neugierig auf die Zukunft des Preises, der ein deutscher Booker werden will. Hacker selbst studierte Philosophie, Geschichte und Judaistik in Freiburg und Jerusalem, ehe sie sich 1996 in Berlin niederließ. (Cornelia Niedermeier aus Frankfurt/DER STANDARD, Printausgabe 04.10.2006)

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    Katharina Hacker erhielt den Buchpreis gegen KonkurrentInnen wie Martin Walser.
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