"Quartett": Eine Materie namens Liebe

3. Oktober 2006, 18:54
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Robert Wilsons kalt-prächtige Pariser Inszenierung von Heiner Müllers Stück berückt mit einem Kunst­geschöpf: Filmstar Isabelle Huppert als Merteuil

Paris - Wenn "die Primadonna", wie Robert Wilson sich selbst gern nennt, "den Star" Isabelle Huppert im Pariser Odéon Théâtre de l'Europe in Szene setzt, hat diese grammatikalische Umkehrung Symbolcharakter. Die großartige Huppert spielt Heiner Müllers Quartett, das Nach-Spiel der Gefährlichen Liebschaften nach Choderlos de Laclos.

Die Marquise de Merteuil (Huppert) und der Chevalier Valmont (Ariel Garcia Valdès) wechseln zum Zeitvertreib die Geschlechterrollen, um einander noch besser herauszufordern und zu zerfleischen. "Ich glaube, ich könnte mich daran gewöhnen, eine Frau zu sein, Marquise", verkündet Valmont mindestens zehnmal mit unterschiedlicher Intonation, worauf Merteuil ebenso oft "Ich möchte es können" antwortet. Dieser Satz, seine privilegierte Behandlung durch Wiederholung, Brechung und Herausreißen aus dem Sinnzusammenhang des Textes, ist der Knackpunkt der Wilson'schen Vision von Heiner Müllers Stück. Dessen erotische Komponente interessiert den 65-jährigen Amerikaner nur im Hinblick auf den Geschlechtertausch.

Wilson gestaltet Isabelle Huppert als Kunstfigur im langen violetten Kleid mit asymmetrischem Armeffekt: Sie zeigt uns einerseits die kalte, nackte Schulter, andererseits einen violett bekleideten, ausgestreckten Arm. Hupperts seitlich nach oben ausufernde Blondperücke ist ebenfalls asymmetrisch, ihr Mund tiefrot geschminkt. Ein bezauberndes fotogenes Farbspiel, passend zur totalen Schauspieldisziplin der Huppert.

Während des wortlosen Vorspiels treten alle fünf Bühnengestalten des "Quartetts" auf: ein junger Mann, Double des Valmont und Gelegenheitsflirt der Merteuil, eine blonde junge Frau und ein alter Mann, der gelegentlich wie ein Pausenclown zur Rockmusik tanzt, wenn die Bühnenarbeiter die wenigen Utensilien (geometrische Sessel und Tische, ein schräger, mobiler Diwan, ein transparenter Vorhang) umbauen. Plus der als knallrot angeleuchteter Mephisto mit Stummfilm-Grimassen agierende Valmont.

Aus Tieren mach fünf

Wilson, der Quartett bereits auf Deutsch und Englisch inszenierte, antwortete Heiner Müller (1929-1995) auf dessen Frage: "Warum fünf?" sybillinisch-surrealistisch: "Weil es ein Quartett ist." Auch auf Französisch behält er das Fünf-Personen-Prinzip bei. Die drei Tänzer-Schauspieler pfeifen, bellen, summen, keuchen. Durch Kopfmikrofone verstärkt und verfälscht stimmen Valmont und Merteuil in diese bestialisch-simplen Töne ein.

Wenn Huppert-Merteuil endlich die ersten Sätze fast flüsternd und ohne zu artikulieren spricht, begreift man, dass Wilson wieder einmal den Text nur als ein Bühnenelement unter vielen anderen auffasst und ihn dementsprechend respektlos als reine Tonmaterie behandelt. Das übt eine gewisse Faszination aus, lässt aber die Frage offen, warum Wilson gerade dieses Stück wählte, wenn es ihm doch sowieso nie um die Vermittlung der Vorlage geht.

Darauf könnte vermutlich Georges Lavaudant, Direktor und Regisseur des Odéon Théâtre de l'Europe antworten, der selbst eine Hamlet-Version inszenierte, die mit Shakespeare wenig zu tun hatte, wo aber Garcia Valdès bereits die Titelrolle spielte.

Sein blutroter Teufel Valmont ist ein szenisch-ideologisches Missverständnis. Es fehlt ihm jegliche Verführungsqualität. Ziemlich geschlechtsneutral peppt er als Farbklecks die Bühne auf. Außer wenn er zur Rockmusik des Michael Galasso einen Sprechgesang anstimmt. Blitzartig bricht Wilson die Szene ab, um seine routinierte, immer noch effiziente Lichtästhetik voll zur Geltung zu bringen. Der Hintergrund wechselt in allen erdenklichen Farben, die Menschenfiguren werden zu Licht-, Farb- und Tonträgern. Wilsons Inszenierung wird zweifach rezipiert: Einerseits abwechslungsreich und visuell perfekt, ist sie kalt - und lässt sie kalt. (Olga Grimm-Weissert/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 10. 2006)

  • Eine kalt-betörende Ode an die szenische Asymmetrie: Isabelle Huppert und Garcia Valdès umkreisen einander lauernd.
    foto: odéon

    Eine kalt-betörende Ode an die szenische Asymmetrie: Isabelle Huppert und Garcia Valdès umkreisen einander lauernd.

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