Aufwachen mit dem Wienerlied

10. Oktober 2006, 19:31
posten

"Ich wollte sehen, ob es da nicht doch Wurzeln in mir gibt": Christian Mühlbacher bei "Wean hean"

Wien - Nein, mit dem Wienerlied hatte Christian Mühlbacher bis dato nichts am Hut. Obwohl er gebürtiger Wiener sei und seit 46 Jahren gerne hier lebe, obwohl sein Musikhorizont - etwa als Co-Leiter der "Nouvelle Cuisine" - ein pluralistischer war. "Volksmusik ist mir ziemlich auf die Nerven gegangen", so Mühlbacher generell. Stücke für das Ensemble Pro Brass wie auch die Arbeit mit der Trachtenkapelle Rossatz seien Schritte zu einem respektvolleren Verhältnis gewesen. Dennoch erbat sich der Komponist und Perkussionist erst einmal Bedenkzeit, als man vonseiten des Volksliedwerks an ihn herantrat.

"Eines Morgens bin ich aufgewacht mit einer Wienerlied-artigen Melodie im Ohr. Das war entscheidend. Ich wollte sehen, ob es da nicht doch Wurzeln in mir gibt." Mühlbacher sog Material in sich auf. Um schließlich in sich hinein zu hören und zwischen "Original Wiener Nörgel-Blues" und "Gmoakeller-Paraphrase" alles von der Seele zu schreiben. Ironische Brechung sei für ihn nötig gewesen, "weil ich das 'goldene Wienerherz' nicht hochleben lassen kann, als wäre das aus meiner tiefsten Überzeugung 'dem Herrgott sein Meisterstück'."

Immerhin hat er sich kürzlich anderweitig mit der österreichischen Tradition beschäftigt - und die Szene mit dem "Nouvelle Cusine"-Programm "Mozart Revisited" überrascht. "Da war ich auch skeptisch, allerdings hat mich Mozarts Musik seit meiner Kindheit beschäftigt. Ich bin mittlerweile überzeugt, dass das Programm gelungen ist - es hätte aber auch peinlich werden können." Distanz bleibt auch da erkennbar: "Ich sehe u. a. bei Veranstaltern die Tendenz, Musiker mit diesem oder jenem zu konfrontieren - wohl auch, um es besser zu verkaufen. Okay, aber mir geht prinzipiell ab, dass jemand den Mut hat zu sagen: Der ist interessant, veranstalten wir ihn einmal so, wie er ist."

Statt: Mühlbacher meets X sollte es also öfter heißen: Mühlbacher plays Mühlbacher. Verständlich für einen, der immer eher abseits des Rampenlichts gearbeitet und Spannendes realisiert hat. Steht doch mit "Chamber Jungle" eine hochkarätige DVD zu Buche, auf der u. a Klangforum Wien und Mozarteum-Orchester raffiniert gemischte Farbklangmassen des Schwertsik-Schülers erklingen lassen.

Zudem versammelt er doch seit Jahren regelmäßig am 5. April im Porgy ein Orchester, um zwischen James-Brown-, Bach-, Franz-Schmidt-, Led-Zeppelin-Bearbeitungen und Eigenem seinen Pluralismus auszuleben. "Das Projekt soll auf Tour gehen. Es kostet immer ein Vierteljahr an Vorbereitung und - wegen CD bzw. DVD - ein Vierteljahr an Einkommen. Aber es macht Spaß - und es ist mein eigenes Ding." (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 10. 2006)

7. 10. Porgy & Bess
  • Artikelbild
    foto: regine hendrich
Share if you care.