Neues Filmfestival in Rom: Die Wölfin belauert den Löwen

12. Oktober 2006, 19:52
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Filmfestival und Italien: Damit assoziierte man bis dato vor allem die Festspiele in Venedig - nun droht in Rom heftige Konkurrenz

Bürgermeister Walter Veltroni weiß bei seinem neuen am 13. Oktober startenden Festival bereits Kinostars wie Robert De Niro auf seiner Seite.

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Erschienen ist das Buch am 26. August. Doch dass Walter Veltroni seinen ersten Roman am 30. August vorstellte, wird in Venedig als "Teil einer perfiden Strategie" gewertet.

Der nicht unbedingt logische Grund: Dort wurde am selben Tag das Filmfestival eröffnet - das älteste der Welt. Und dessen Macher sehen im umtriebigen römischen Bürgermeister einen gefährlichen Widersacher. Dass der leidenschaftliche Cineast und Absolvent der Scuola Italiana Cinema in wenigen Monaten ein attraktives Festival etablieren konnte, bereitet den Organisatoren am Lido schlaflose Nächte. Und dass Spike Lee nach der Präsentation seines Films von Venedig direkt nach Rom eilte, um Veltroni seine Aufwartung zu machen, steigerte das Misstrauen in der Lagunenstadt.

"Lee wollte mal den berühmten Blick von meinem Amtszimmer aufs Forum Romanum genießen", scherzt der ehemalige Kulturminister. Doch in Venedig hegt man kaum Zweifel daran, dass der US-Regisseur seinen nächsten Film in Rom präsentieren wird. Zu solchen und vielen anderen Gerüchten schweigen die Festivalmacher Giorgio Gosetti und Mario Sesti. Sie sind mit der ersten Auflage der "festa del cinema" so ausgelastet, dass sie an die zweite gar nicht denken wollen.

Ihr improvisierter Arbeitsplatz könnte ungastlicher kaum sein. In sechs grauen, zwischen die Betonpfeiler eines Viadukts gepferchten Containern im römischen Stadtviertel Flaminio entsteht der Event, den Venedigs Bürgermeister Massimo Cacciari als "Kriegserklärung" an seine Stadt wertet.

Ein Angriff der römischen Wölfin auf den venezianischen Löwen? Walter Veltroni schmunzelt. Thesen dieser Art verweist er ins Reich der Fantasie. "Kultur und Krieg sind Begriffe, die sich ausschließen", beruhigt der Bürgermeister der Hauptstadt lächelnd. Die am 13. Oktober beginnende Veranstaltung sei "ein großes Kinofest für die Bevölkerung".

Trotz Veltronis Entwarnung füllt der inneritalienische Kinokrieg längst die Kulturseiten der italienischen Zeitungen. Rom präsentiere die "Ausschussware Venedigs", spottete der Direktor des dortigen Festivals, Marco Müller.

Solche Bosheiten mag der als "buonista" geltende Gutmensch Veltroni nicht kommentieren. Der ehemalige Kulturminister zieht es vor, Fakten sprechen zu lassen. Die allerdings könnten die Festivalmacher am Lido schon bald das Fürchten lehren.

"Wenn das Filmfest auch nur einen Euro aus öffentlichen Mitteln erhält, ziehe ich die Pistole", drohte Bürgermeister Cacciari. Doch Rom benötigt keine Mittel aus dem staatlichen Kulturbudget. Mit zwölf Millionen Euro Sponsorgeldern hatte Veltroni in wenigen Monaten wesentlich mehr Geld in den Kassen als die Konkurrenten in Venedig.

Die Hauptstadt verfügt im Festivalduell über zugkräftige Trümpfe. Sie hat mit keinem der leidigen Strukturprobleme am Lido zu kämpfen - vom fehlenden Filmpalast über sündteure Hotels bis hin zu den stets überfüllten Restaurants. In Renzo Pianos großzügigem Auditorium stehen den Zuschauern in vier Sälen rund 4000 bequeme Sitzplätze zur Verfügung. Die Akustik wurde eigens für digitalen Filmsound nachgebessert. Kostenlose Shuttlebusse kutschieren die Besucher zu den zwölf Kinos, die rund um die Uhr die Festivalfilme zeigen - zu Eintrittspreisen zwischen drei und sieben Euro.

Die legendäre Via Veneto, in der sich Filmgrößen wie Marcello Mastroianni und Anna Magnani nach den Dreharbeiten vergnügten, wird zur "business street" für Produzenten und Verleiher. Und im gigantischen Studio 5 von Cinecittá, in dem Federico Fellini seine Filme drehte, lädt Rom 3500 Personen am letzten Festivaltag, dem 21. Oktober, zu einem glanzvollen Abschiedsfest. Nicole Kidman und Sean Connery werden ebenso da sein wie Monica Bellucci, Richard Gere und Robert De Niro, mit dessen New Yorker Tribeca-Festival Veltroni ein Austauschprogramm vereinbarte. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 10. 2006)

---> Kultur, offensiv in Rom

Kultur, offensiv in Rom

Rom - "Die Industria Culturale Veltroni expandiert unaufhaltsam", notierte die Tageszeitung La Stampa letzthin unter Anspielung auf jene zweieinhalb Millionen, die sich in einer langen Kulturnacht in den Straßen, Museen und Theatern der Hauptstadt drängten. Die österreichische Künstlerin Regine Hübner, die in der notte bianca im Studio 9 von Cinecittá eine großräumige Videoinstallation mit Musik von Luca Lombardi zeigte, war überwältigt: "Stündlich drängten rund 9000 Besucher durch das Studio. Noch um fünf Uhr früh herrschte reges Interesse."

Seit 29. September bietet nun das achtwöchige Romaeuropa Festival über 40 neue Produktionen der internationalen Theater-, Tanz- und Musikavantgarde. Längst hat Bürgermeister Walter Veltroni den Beweis angetreten, dass Kultur sich als Wirtschaftsfaktor lohnt: das Bruttoszialprodukt wächst in Rom wesentlich schneller als in der Wirtschaftsmetropole Mailand. Da kann es sich die Stadt locker leisten, eine Mark-Aurel-Statuette für den besten Film des neuen Festivals mit 200.000 Euro zu vergolden. Dass die Preise von einer 50-köpfigen Laienjury unter dem Vorsitz des Regisseurs Ettore Scola vergeben werden, ist ganz nach Veltronis Geschmack: "Kultur ist für die Bürger da."

Woher der Bürgermeister die Zeit nimmt, einen Roman zu schreiben? "Oft nutze ich die Mittagspause", erzählt Veltroni dem Standard. Dass sein Roman Die Entdeckung der Dämmerung schon am ersten Tag vergriffen war, führt er auf das geschickte Marketing zurück. "Ich bin kein Schriftsteller, sondern einer, der schreibt", erklärt er fast entschuldigend. Keiner beherrscht die Kunst des Understatements so wie Roms Bürgermeister. Dass Veltroni beste Chancen auf das Amt des Premiers eingeräumt werden, lässt seinen Konkurrenten in Venedig die Zukunft noch düsterer erscheinen. (mu/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4. 10. 2006)

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    Eine attraktive Allianz: Roms Bürgermeister Walter Veltroni (li.) präsentierte in New York einen Kooperationsvertrag mit dem Tribeca-Festival von US-Star Robert De Niro.

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