3. November 2006, 09:48
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Unternehmensberater und Verlage, das hat Schizophrenie: "Werden Wirtschaftsjournalisten, die Tag für Tag über solche Vorgänge berichten, von Berichtenden zu Betroffenen, dann stößt man nicht immer gleich auf Verständnis." Sagt Stefan Höffinger von AT Kearney und erinnert sich an den schnellen Sinneswandel von Kolumnisten, die sonst gerne den Neokonservatismus predigen. Höffinger ist Vice President und Mitglied der Geschäftsleitung bei der österreichischen Niederlassung dieser internationalen Unternehmensberatung. Und für die hat er mit seinem Kollegen Martin Fabel eine Studie über Tageszeitungen erstellt, die den wenig optimistischen Titel "Newspaper Endgame" trägt.

Dahinter den auf Sicht ziemlich ungleichen Kampf von Österreich gegen den Riesen Krone zu vermuten, würde unser Land überschätzen. Die Berater haben sich die Zeitungsmärkte Großbritanniens, der Niederlande, Deutschlands und Frankreichs angesehen. Und unschwer harte Zeiten erkannt.

Konzentration

Die Berater sagen Tageszeitungen in 20 Jahren ein Viertel weniger Auflage voraus, sinkende Einnahmen etwa durch Abwanderung von Kleininseraten ins Internet. Konzentration stehe also ins Haus. Deutschland macht da dank strengen Kartellgesetzes das erfreuliche Schlusslicht, hinter Großbritannien, weiter hinter Frankreich und am weitesten hinter den Niederlanden. Dort taten sich vor wenigen Monaten mit Wegener und PCM der zweit- und drittgrößte Verlag zusammen. Wegener/PCM hat seither acht seiner Zeitungen zu einem Tabloid verschmolzen. Die Fusion nimmt AT Kearney als Beispiel für einen von fünf Strategievorschlägen für Zeitungshäuser: Kostenvorteile durch kritische Masse.

Strategien

Die übrigen: Marktführer im Segment, als Erfolgsbeispiel die christliche französische Tageszeitung La Croix. Oder "Local Hero" - etwa die Washington Post, die den Markt neben dem Hauptblatt mit einer Wochenausgabe, Regionalblättern, englisch- und spanischsprachigen Gratisblättern bedient. Höffinger fällt für diese Rubrik Eugen Russ (Vorarlberger Medienhaus) ein. Oder clevere Expansion mit eigenen Stärken und Marken in neue Märkte - wie etwa die norwegische Schibsted-Gruppe mit Gratiszeitungen (20 Minuten) und Onlineaktivitäten. Geht das alles nicht, gibt es noch Strategie fünf mit dem hübschen Titel "Brutal Squeezer": harter Sparkurs und Ausstieg mit maximalem Profit. Auch das soll in Österreich schon vorgekommen sein, begleitet von potenzierter Medienkonzentration. Die steht hier den Niederlanden kaum nach. Im Anzeigenmarkt etwa haben die größten Zeitungshäuser Mediaprint und Styria zusammen rund 64 Prozent Marktanteil. (Harald Fidler/DER STANDARD; Printausgabe, 4.10.2006)

  • Konzentration voraus: Unternehmensberater Stefan Höffinger
    foto: at kearney

    Konzentration voraus: Unternehmensberater Stefan Höffinger

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