"Nicht wundern, wenn Abramovich demnächst Thyssen Krupp übernimmt"

4. Oktober 2006, 01:00
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Osteuropafonds haben die meisten international anlegenden Fonds outperformt. Ost-Experte Andreas Männicke über Chancen und Risken in Russland

derStandard.at: Im Schnitt blicken Fondsanleger nach dem Erfolgsjahr 2005 heuer bislang auf ein ernüchterndes erstes Halbjahr zurück. Fonds mit hoher Russlandgewichtung schnitten recht gut ab. Was hat für die gute Performance gesorgt?

Andreas Männicke: Es stimmt: Osteuropafonds haben mal wieder die meisten international anlegenden Fonds outperformt – wie schon im letzten Jahr. Der Wert des Osteuropafonds Griffin Eastern Europe hat sich zum Beispiel seit Auflegung im Krisenjahr 1998 mehr als verzehnfacht und konnte sogar in diesem Jahr noch einmal zulegen. Welcher Fonds konnte schon in diesen nicht einfachen Börsenjahren eine durchschnittliche Rendite von 36 Prozent p.a. erwirtschaften? Auch der DWS Russia eilt von einem Rekordhoch zum nächsten. Derartige außergewöhnlichen Perfomance-Ergebnisse sind in Zukunft wesentlich schwieriger zu erreichen. Die Erfolgsformel für Osteuropa lautet für mich "WKR", also (mehr) Wachstum (als in Westeuropa), Konvergenzfantasie (nach der EU-Konvergenzfantasie kommt jetzt die EWU-Fantasie hinzu) und – insbesondere für Russland zutreffend – Rohstoffe. Der Ölpreis hat sich seit 1998 versiebenfacht und viele Metallpreise haben sich in den letzten Jahren ebenfalls vervielfacht. Davon profitierte Russland als rohstoffreiches Land im besonderen Maße. Diese Kombination ist einzigartig auf der Welt und sie hat auch zu einzigartig positiven Ergebnissen geführt, die eigentlich absehbar waren.

derStandard.at: Häufig wird der Erfolg vieler Russlandinvestitionen auch auf den steigenden Ölpreis zurückgeführt Nun fällt dieser ja schon wieder, geht es also im zweiten Halbjahr eher bergab?

Männicke: Die Moskauer Börse wird weiterhin durch die starke Energielastigkeit von den Öl- und Gaspreisen abhängen, was für beide Richtungen "Nord und Süd" zutrifft. Im Falle stark fallender Öl- und Gaspreise muss man mit nachgebenden Notierungen rechnen, zumal sehr viel Risikokapital in Russland ist, was auch schnell wieder abfließen kann. Allerdings dürften die Kurse erst dann nachhaltig nachgeben, wenn der Ölpreis unter 50 USD/Barrel fällt. Denn bis dahin verdienen die russischen Ölunternehmen noch sehr gutes Geld. Sogar bei einem Ölpreis von 30 USD/Barrel machen die Unternehmen noch gute Gewinne; dann wären aber die KGV zu hoch und der Markt müsste korrigieren. Warten wir aber einmal ab, wie sich die USA im Iran-Atomkonflikt dauerhaft verhalten wird. Sobald Bush das Wort Sanktionen nicht nur in den Mund nimmt, sondern auch – möglicherweise kriegerisch – umsetzt, wird der Ölpreis wieder nach oben schnellen. So etwas ist aber wenig kalkulierbar.

derStandard.at: In welchen Branchen sehen Sie denn derzeit grundsätzlich Potenzial?

Männicke: Der Energiesektor wird weiterhin den Gesamtmarkt dominieren. Hier hängt die weitere Entwicklung vor allem sehr von der Chinanachfrage und mithin dem Chinawachstum ab. Langfristig glaube ich, dass Gazprom mit Rosneft fusionieren und damit zur Nummer eins der Welt vor Exxon Mobil avancieren wird. Zwischenzeitlich kann es aber zu starken Korrekturen kommen. Ähnlich zyklisch ist der Stahlsektor. Die KGV liegen im Stahlsektor hier aber mit 6-7 immer noch relativ niedrig. Ich würde mich nicht wundern, wenn demnächst der Oligarch Roman Abramovich Thyssen Krupp übernehmen wird. Auch der Rüstungs- und Flugzeugsektor ist nicht uninteressant, wie das Beispiel EADS mit erstmals russischer Beteiligung zeigt. Die Russen werden sich in Zukunft auch gerne an westlichen Unternehmen beteiligen wollen. In Russland boomen aber vor allem der Immobilien-, Konsum- und Bankenmarkt weiterhin. Daher sollte der Anleger auch ein Auge auf diese Branchen werfen und auch mehr auf Konsumaktien und Banken, also nicht zyklische Werte, setzen. Es werden gerade in diesen Sektoren eine Reihe von IPOs in den nächsten Jahren erwartet. Überhaupt entwickelt sich die Moskauer Börse immer mehr zu einem attraktiven IPO-Platz, vom dem noch viel zu erwarten ist. Die Moskauer Börse ist schon jetzt mit einer Marktkapitalisierung von etwa 1 Billion US-Dollar fast so groß wie die Frankfurter Börse und um ein Vielfaches größer als die Wiener Börse, die auch sehr von der Osteuropa-Fantasie profitiert hat. Das Pre-ADR/GDR-Trading, das unter anderen die deutsche Beteiligungsgesellchaft KREMLIN AG mit RTS-Werten durchführt, sollte sich immer noch lohnen.

derStandard.at: Ist der Zeitpunkt derzeit gut, um – etwa in einen in Russland investierten Fonds – anzulegen, und wie sieht es langfristig aus?

Männicke: Der Anleger muss ohnehin eine hohe Volatilität in Russland auch aufgrund der politischen Risiken (Allmacht und Willkürakte des Kremls wie im Yukos-Fall; Probleme bei der Lizenzvergabe von ausländischen Energieunternehmen) einkalkulieren, wie auch schon die scharfen Korrekturen im Mai/Juni zeigten, als der Index um über 30 Prozent an Wert verlor. Bei den meisten meiner Kunden, die schon seit Jahren erfolgreich in Russland investiert sind, handelt es sich dabei um reine Gewinnmitnahmen. Die Moskauer Börse ist auch in diesem Jahr wieder mit einem Kursplus von über 30 Prozent einer der Top-Performer der Welt nach über plus 80 Prozent im Vorjahr. Falls der steile Haussetrend zum Beispiel aufgrund stark fallender Rohstoffpreise oder politischer Risiken verlassen wird, sollte der Anleger mehr in Liquidität gehen. Langfristig bleibe ich für Russland ein Bulle und glaube an eine fortgesetzte Outperformance, übrigens auch im lukrativen Anleihen- und Immobiliensektor.

derStandard.at: Wie sehen Sie denn überhaupt die wirtschaftliche Zukunft in Russland?

Männicke: Ich glaube, dass sich Russland langfristig weiterhin sehr positiv entwickeln wird und dies nicht deshalb, weil "BRIC" (also Brasilien, Russland, Indien und China) in der Fonds-Szene zum "Mode-Investment" avanciert ist, was eher abschreckend ist. Russland hat einige strategische Vorteile. Rohstoffe, gerade Öl und Gas , werden weiterhin ein stark nachgefragtes, knappes Gut bleiben und damit auch die Staatskassen füllen. Russland hat sich jetzt schon dramatisch entschuldet. Im Gegensatz zu vielen Industrienationen hat Russland nicht die Belastung der Bezahlung eines zunehmenden Schuldendienstes wie die USA, Japan und auch die BRD. Auch hat Russland noch kein Sozialsystem aufgebaut und daher auch nicht die Renten- und Pensionsverpflichtungen wie die Industrienationen. Auch die Bürger sind im Gegensatz zur USA kaum verschuldet, da erst jetzt Kreditkarten in Mode kommen. Russland investiert vergleichsweise viel in Forschung und Entwicklung. Ich gehe davon aus, dass Russland zum Beispiel bei der Nanotechnologie in Zukunft eine führende Rolle spielen wird und in der Nanotechnologie sehe ich ohnehin die nächsten weltbedeutenden Innovationssprünge, die bisher ausbleiben. Auch ist Russland schon jetzt – neben Indien - eine bedeutsame Softwareschmiede. Auch die sieben neuen Technologiezentren in Russland könnten in Zukunft wegweisende Innovationen hervorbringen. Das Kapital dafür kommt noch mittelbar vom Rohstoffsektor. Putin hat aber längst erkannt, dass Russland in vielen Bereichen modernisiert und liberalisiert werden muss. Wenn dies alles in vernünftigen Bahnen abläuft, was allerdings nicht sicher ist, da in 2008 Präsidentschaftswahlen stattfinden, ist mir um die Zukunft Russlands nicht bange, auch wenn die Rohstoffpreise fallen sollten. (Regina Bruckner)

Andreas Männicke ist Geschäftsführer der ESI East Stock Informationsdienste GmbH und Herausgeber des EAST STOCK TRENDS

Das nächste ESI-Ostbörsen/Rohstoff-Seminar von Andreas Männicke findet am 18.10.06 in Frankfurt/M statt (Info und Anmeldung bei der ESI GmbH, Jüthornstr. 88, 22043 Hmaburg, Tel: 0049-40-6570883; info@eaststock
  • Andreas Männicke.
    foto: privat

    Andreas Männicke.

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