Porträt: Der starke Mann Montenegros tritt ab

9. Oktober 2006, 14:29
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"Rasiermesser" bestimmt seit 1991 Geschicke des 620.000- Einwohner-Landes - Noch nie Wahl verloren

Belgrad/Podgorica - Der starke Mann Montenegros tritt ab. Dabei hatte Milo Djukanovic die erste Probe nach der Unabhängigkeit des Landes vor drei Monaten souverän gemeistert. Das von Premier Djukanovic angeführte Regierungsbündnis errang bei der Parlamentswahl am 10. September die absolute Mehrheit. Staatspräsident Filip Vujanovic ließ am Dienstag allerdings wissen, dass er Djukanovic für weitere vier Jahre mit der Regierungsführung beauftragen wollte. Dieser habe das Angebot aber abgelehnt, erklärte Vujanovic.

Djukanovic war einer der ganz wenigen Politiker Ex-Jugoslawiens, die noch aktiv waren. Er schien nicht müde zu werden und eilte von Sieg zu Sieg. Djukanovic hat in seiner politischen Laufbahn noch nie eine Wahl verloren. Seit 17 Jahren gehört er zur montenegrinischen Führungsspitze, seit 16 Jahren war er immer entweder Premier oder Präsident des 620.000-Einwohner-Landes. In den vergangenen etwa 6.000 Tagen habe es nur eineinhalb Monate gegeben, in denen Djukanovic weder Regierungs- noch Staatschef war, errechnete die Tageszeitung "Vijesti".

"Rasiermesser"

Djukanovic wurde 1962 in der Stadt Niksic geboren. Bereits mit 17 Jahren entdeckte der Richtersohn sein Interesse an der Politik. In den späten achtziger Jahren wurde er das jüngste Mitglied der letzten jugoslawischen kommunistischen Führung. An seinem 29. Geburtstag wurde der großwüchsige Montenegriner (Schuhgröße 48), der wegen seines energischen Auftrittes und seiner oftmals spitzen Zunge von den Landsleuten "Britva" (Rasiermesser) genannt wird, zum damals jüngsten Regierungschefs Europas ernannt.

Zusammen mit dem damaligen montenegrinischen Präsidenten Momir Bulatovic galt er in den darauf folgenden Jahren als einer der treuesten Bündnispartner des serbischen und später jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic und dessen Politik. Doch 1997 brach Djukanovic mit Milosevic, als in Belgrad die Opposition mehrwöchige große Proteste gegen das Regime des Ex-Präsidenten veranstaltete.

Kampfgeist

Djukanovic wurde im Oktober desselben Jahres zum montenegrinischen Präsidenten gewählt - trotz der Versuche Belgrads, dies zu verhindern. Er wandte sich der Wiedererrichtung der montenegrinischen Eigenstaatlichkeit zu und gab seitdem diese Pläne nicht mehr auf. Sein Kampfgeist zahlte sich aus: Am 3. Juni dieses Jahres proklamierte die Skupstina (Parlament) in Podgorica die Unabhängigkeit, nachdem zuvor in einem Referendum eine Mehrheit für die Loslösung von Serbien stimmte.

Vor einigen Monaten hatte es bereits Spekulationen gegeben, Djukanovic könnte sich aus der Politik zurückziehen, wenn er sein Land in die Unabhängigkeit führt. Djukanovic deutete an: Sollte er sein Versprechen erfüllen und die Eigenstaatlichkeit Montenegros wiederherstellen, würde eine neue Phase im politischen Leben Montenegros beginnen. Er sehe sich dann in einem anderen Berufsumfeld. Am Dienstag wurde nur so viel bekannt: Er wird Vorsitzender der Demokratischen Partei der Sozialisten bleiben. (APA)

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