Kontroverser "Idomeneo" kehrt zurück

5. Oktober 2006, 11:20
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Sprecher der Deutschen Oper: "Der frühestmögliche Zeitpunkt ist Dezember" - Warten auf Sicherheitskonzept

Berlin - Die aus Furcht vor Islamisten abgesetzte Mozart- Oper "Idomeneo" wird vermutlich bald wieder auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin stehen. "Der frühestmögliche Zeitpunkt ist Dezember, sobald wir Grünes Licht von Landeskriminalamt und der Innenverwaltung mit einem entsprechenden Sicherheitskonzept haben", sagte Opernsprecher Alexander Busche am Mittwoch der dpa. Die Intendantin Kirsten Harms sei sich mit dem Berliner Kultursenator Thomas Flierl darin einig, die Oper so bald wie möglich wiederaufzunehmen.

Die Inszenierung von Hans Neuenfels war von der Intendantin nach einem warnenden Anruf von Berlins Innensenator Ehrhart Körting vom November-Spielplan abgesetzt worden. Eine konkrete islamistische Bedrohung gab es aber nicht. Im Schlussbild der Inszenierung werden die abgeschlagenen Köpfe von Jesus, Buddha, Mohammed und Poseidon auf die Bühne gebracht. Die Absetzung war bei Künstlern und Politikern bis hin zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel auf heftige Kritik gestoßen.

Jetzt will Körting eine neue Gefährdungsanalyse für die Deutsche Oper "zeitnah" erstellen. "Die Gefährdungseinschätzung soll es der Oper ermöglichen, eine Entscheidung zu treffen", sagte Körting am Mittwoch der dpa.

Details zur eventuellen Absicherung der Opernabende könnten aber erst in einem zweiten Schritt festgelegt werden. Dies hänge beispielsweise davon ab, ob an einem solchen Abend eine Demonstration geplant sei. Körting fügte ergänzend hinzu, dass die Oper und die Kulturverwaltung von der Sicherheits-Einschätzung der Innenverwaltung unterrichtet würden. Die Entscheidung über die Wiederaufnahme sei jedoch Sache der Oper.

Debatten

Ein Bischof kritisiert "abgeschlagene Köpfe", ein Innensenator will keine Asche auf sein Haupt streuen und ein Theater-Intendant spricht von der "Pflicht der Kunst zu stören": Die umstrittene Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" stand am Dienstag im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion an der Deutschen Oper Berlin. Das geriet schnell über den aktuellen Fall hinaus zu einer grundsätzlichen Debatte über Kunstfreiheit, Terrorismusbedrohung und Integrationsprobleme.

Die Deutsche Oper in Berlin hatte "Idomeneo" in der umstrittenen Inszenierung von Hans Neuenfels in der vergangenen Woche vom Spielplan genommen. Begründet worden war dieser Schritt mit der Furcht vor islamistischen Attacken, denn in der Inszenierung werden die abgeschlagenen Häupter von Jesus, Buddha, Mohammed und Poseidon gezeigt.

Oper auf Spielplan, wenn Sicherheitskonzept steht

Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) räumte dabei erneut ein, möglicherweise falsch gehandelt und ohne vorherige gründliche Debatte nur auf den Sicherheitsaspekt gesetzt zu haben. "Aber besser zu viel als zu wenig. Ich streue da keine Asche auf mein Haupt, die Sicherheitsexperten mussten bei ihrer Einschätzung die Emotionalisierung nach dem Karikaturenstreit berücksichtigen." Auch die Intendantin Kirsten Harms rechtfertigte ihre "schwierige Abwägung" zu Gunsten der Sicherheit des Publikums und ihrer Mitarbeiter im Opernhaus. Die Oper könne wieder auf den Spielplan gesetzt werden, "wenn es dafür ein Sicherheitskonzept und eine Mitverantwortung der Sicherheitsbehörden gibt", betonte Harms.

Sie habe nach den ersten Anrufen des Landeskriminalamtes im Mai und Juni zunächst nicht daran gedacht, die Inszenierung abzusetzen. "Die Lage änderte sich durch den Anruf des Innensenators", was den Ausschlag zu Gunsten ihrer Fürsorgepflicht für 2000 Menschen gegeben habe. Der Intendant des Hamburger Thalia Theaters, Ulrich Khuon, meinte dagegen, die Kunst habe "die Pflicht zur Unruhe und zu stören". Auch der Berliner Kultursenator Thomas Flierl (Linkspartei) plädierte für die Freiheit der Kunst, "die auch den Tabubruch enthalten darf".

Abgeschlagene und fehlende Köpfe

Der Berliner Bischof und EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber meinte, "das Abschlagen von Köpfen ist nicht ideal, auch wenn sie aus Pappmaché sind". Man dürfe die Kraft der Bilder nicht unterschätzen. Natürlich sei er dafür, die Inszenierung so bald wie möglich wieder auf den Spielplan zu setzen, aber über das Schlussbild sollte gründlich diskutiert werden.

Auch sei der Regisseur zu befragen, wie es komme, "dass eine der monotheistischen Religionen dabei fehlt, war der Regisseur also doch so kontextsensibilisiert, dass er sich das nicht getraut hat?". Zu den monotheistischen Religionen gehört auch das Judentum. Nach Worten von Huber gibt es aber auch einen Klärungsbedarf, "der in die Mitte des Islam zielt: Wie hält es der Islam mit der Religionsfreiheit, mit der Kunstfreiheit, mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft?".

Nicht um Muslime, sondern um Extremisten geht es

Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus betonte, Muslime gehörten "längst zur Normalität dieser Gesellschaft". Die jetzige Debatte berühre nicht "Probleme zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen, sondern zwischen Extremisten und Nicht-Extremisten". Die extremistischen Kräfte versuchten, "die normative Denkhoheit zu übernehmen, zum Teil mit Hilfe des Westens".

Der Integrationsbeauftragte des Berliner Senats, Günter Piening, wies darauf hin, dass bisher keine Islam-Organisation eine Absetzung der Operninszenierung gefordert habe. "Die Muslime in Berlin und im Bundesgebiet sind in ihrer überwiegenden Mehrheit friedlich, aber sie werden als solche nicht wahrgenommen."

Merkels Standpunkt

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Absetzung der Oper als "unnötige Schere im Kopf" kritisiert. In ihrer Rede zum Tag der deutschen Einheit am Dienstag in Berlin verteidigte Merkel die Freiheit der Kunst, der Meinung und der Religion. "Hier kann und darf es keine Kompromisse geben", sagte sie. Zugleich betonte die Kanzlerin im Hinblick auf islamischen Fundamentalismus: "Gewalt im Namen einer Religion pervertiert und missbraucht diese Religion."

Merkel sagte: "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche beim Recht, frei ihre Meinung zu sagen oder zu schreiben, eine unnötige Schere im Kopf haben. Dass gleichsam die weiße Fahne gehisst wird, bevor auch nur irgendetwas zu passieren droht. Wie anders ist die Entscheidung um die Absetzung der Mozart-Oper in Berlin zu werten?" Es gebe in Deutschland kein Verbot, sich verletzt zu fühlen. Man müsse auch nicht in eine Oper gehen, sagte sie denen, die die Inszenierung ablehnen. (APA/dpa)

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