"Fast Good" statt "Fast Food"

9. November 2006, 19:41
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Zukunftsforscher erwartet radikale Veränderung: Super­märkte sollen wieder länderspezifischer denken, Regionalität und Natürlichkeit gewinnen an Bedeutung

Wien - Der Schweizer Handelsexperte David Bosshart vom Gottlieb Duttweiler Institut in Zürich sieht den Handel in Europa vor einer radikalen Veränderung. In zwei bis drei Jahren werden die großen Supermarkt-Ketten wieder länderspezifischer denken müssen, Regionalität und Natürlichkeit gewinnen an Bedeutung. Die Diskonter werden weiter dominieren; Premium-Produkten sagt der Zukunftsforscher aber - nicht zuletzt wegen der zunehmend alternden Bevölkerung - ein ungleich stärkeres Wachstum voraus.

Bisher gebe es drei Modelle im Handel: Die Stärke des US-Handelsriesen WalMart mit einem Umsatz von 330 Mrd. Dollar lag bisher darin, dass er der schnellste Verteiler mit einer großen Artikelzahl war, und kein Händler. Die britische Tesco-Gruppe ist wiederum sehr individuell auf Kunden eingegangen und hat die Rolle eines Dienstleistungs-Problemlösers eingenommen. Aldi/Hofer setzten dagegen nur auf den Preis, in einem reduzierten Supermarkt mit einer begrenzten Artikelzahl, erläuterte Bosshart am Dienstag bei einem Handelskongress in Vösendorf bei Wien.

Radikale Veränderung

"Alle Modelle werden sich radikal ändern", betonte der Schweizer Experte. So habe WalMart bereits angekündigt, künftig lokal einzukaufen und der größte Biomarkt werden zu wollen. Markenartikel-Produzenten eröffnen zunehmend eigene Flagship-Stores, um die Abhängigkeit von Zwischenhändlern zu reduzieren. In Frankreich machen beispielsweise 22 große Markenartikler gemeinsam Werbung, weil die Handelsmarken immer stärker werden, hieß es.

Der Zukunftsforscher geht daher davon aus, dass künftig statt Industrie der Trend in Richtung Natürlichkeit, Regionalität und fairen Handel geht. Der Konsument von morgen werde Gentechnikfreiheit als Normalität betrachten. Darüber hinaus werden Lebensmittel zunehmend "inszeniert" und zu Unterhaltung, so Bosshart. Dennoch werde der Billig-Boom anhalten, durch Extremereignisse wie Gammelfleisch, BSE oder Vogelgrippe aber immer wieder wie auf einer Achterbahn Rückschläge erleiden.

Trend zu Heimküchen

Diesen Szenarien folgend erwartet Bosshart, dass zum einen der Gastro-Tourismus (etwa zu Bauernmärkten) zunimmt, zum anderen auch der Trend zu Heimküchen mit Top-Ausstattung anhält. Derzeit werden rund 20 Mrd. Euro in Europa für "Gourmet-Food" ausgegeben, bis 2010 soll sich dieser Wert verdoppeln, hieß es. "Fast Good" laute künftig die Devise, nicht "Fast Food". Der Gesundheitswert von Produkten werde zu einem neuen Ranking und Rating führen.

Supermarkt-Ketten, selbst in den USA, werden sich laut Handelsforscher künftig auch den Auswirkungen des Klimawandels stellen müssen. So sind laut Bosshart in Großbritannien 22 Prozent des Treibhauseffektes auf Transporte für die Handelsketten zurückzuführen. Im Schitt lege ein Produkt in Europa 1.500 bis 2.000 km zurück, bevor es im Geschäft verkauft wird.

Neue Lebensmittelgeschäfte

Diese Veränderungen im Konsumentenverhalten werden auch zu neuen Lebensmittel-Geschäften führen. Die Flächen werden kleiner, das - hoch spezialisierte - Lebensmittelangebot etwa mit Restaurants kombiniert, erwartet Bosshart. Der Konsument von morgen wolle Convenience, ohne auf hochwertige Produkte zu verzichten; der Gesundheitsaspekt spiele eine große Rolle. "Der Trend geht in Richtung Drink-Food", meinte der Forscher.

Den Handelsketten rät Bosshard, "unternehmerischer zu denken" und nicht wie "Lemminge" ein Erfolgsmodell einer anderen Kette zu imitieren. Händler begingen oft "Denkfehler", wie etwa, dass die Konzentration im Handel weiter gehe, es nur einen richtigen Weg gebe, der billigste Anbieter gewinne und Größe und Umsatz das Wichtigste seien. (APA)

  • Schnellster Verteiler, bester Dienstleister oder Preisführerschaft. Diese Modelle könnten sich ändern.
    foto: standard/newald

    Schnellster Verteiler, bester Dienstleister oder Preisführerschaft. Diese Modelle könnten sich ändern.

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