Raub und Zufall

11. Oktober 2006, 23:01
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Tragikomisches Kammerspiel: „Der Überfall“

Wie ein Reißverschluss wird das erste Bild geöffnet, und eine Hand zieht, gleichsam aus dem Schwarzbild, eine Pistole hervor. Es ist ein Bild der Gewalt, doch schlimmer: Es ist ein irreversibles. Denn obwohl der entscheidende Schuss aus einer anderen Pistole fallen wird, wird diese Waffe ein Opfer fordern.

 

Der Mann ohne Job und Geld (Roland Düringer) nimmt also mit der Pistole sein Schicksal buchstäblich in die Hand und macht sich auf den Weg. Mit Sporttasche und offenen Schuhbändern stapft er los zur Bank, doch schon der Anblick der Überwachungskameras lässt ihn im Supermarkt landen. Wie der Überfall endet, bekommt man nicht zu sehen, denn Flicker reißt seine Figur aus deren Traum und entschließt sich, die Geschichte in der filmischen Realität fortzusetzen.

Florian Flickers Der Überfall ist ein Film, der verschiedene Szenarien durchspielt, ohne die eigentliche Richtung der Erzählung zu ändern. Als der junge Mann später tatsächlich den Laden eines Schneiders (Joachim Bißmeier) überfällt, stellt er sich vor, wie das wäre, wenn er in diesem Moment auf die Straße hinaustreten würde: Durch einen dummen Zufall würde er erschossen werden, durch einen ebensolchen ist er überhaupt in diese Situation geraten. Flicker spielt das Szenario der geschlossenen Gesellschaft lustvoll durch: Der Räuber, der Schneider und der zufällig anwesende Kunde (Josef Hader) müssen einen Nachmittag auf engem Raum zusammen verbringen, und die scheinbar klaren Fronten beginnen durchlässig zu werden – die Unsicherheit des einen bedingt jeweils die Macht des anderen.

Als Komödie kann man Der Überfall nur dann durchgehen lassen, wenn man die Typenkomik in den Vordergrund rückt, doch weil Flicker diese nie über Maßen ausspielt, bleibt eine tragische Grundstimmung erhalten: Das Geld braucht der Mann für die Ex-Frau, die Spielzeugfigur, die er mit sich herumschleppt, ist das Geburtstagsgeschenk für den Sohn. Flicker macht aus seiner Sympathie für den Amateur, der am Faschingsdienstag mit Clownperücke einen Schneiderladen überfällt, gar kein Hehl: Er ist der Einzige, der sein Ziel nicht aus den Augen verliert.

Für ihn ist der Überfall ein Umweg, während die beiden anderen sich weniger sympathische Vorteile herauszuschlagen versuchen. Die Protagonisten in Flickers Spielfilmen sind Getriebene, doch gerade weil sie alle – von der illegalen georgischen Einwanderin in Suzie Washington bis zu den Ausbrechern aus der Halben Welt – auf der Flucht sind, braucht es immer auch die Momente des Innehaltens. So sind es in Der Überfall körperliche Wunden, die die Figuren kurz zur Ruhe kommen lassen. Am Ende beginnt es an diesem Faschingstag sogar noch zu schneien, doch während die Flocken die Straßen weiß färben, zieht Flicker mit dem Schlussbild den schwarzen Vorhang wieder zu.

Michael Pekler, Filmpublizist („Falter“), Katalogredakteur der Viennale, Redakteur („Ray Kinomagazin“, „kolik.film“)

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